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Evangelische Zeitung, Sonntag, 6. April 2014

Über Angst, Unverständnis, Vorurteile aber auch über Mut sprachen zwölf unterschiedliche Personen

Lebendige Bücher erzählen

Von Bärbel Romey

Oldenburg – „Mit 55 Jahren habe ich meinen ersten Brief geschrieben. Für mich hat mit der Schrift ein neues Leben angefangen....“, verriet eine Person mit Lese- und Schreibschwäche. Ein „Flüchtling aus Afrika“ versteht die Vorurteile gegen ihn nicht und wollte darüber sprechen. Nach der Geburt ihres Kindes empfand eine Frau nicht das so viel beschriebene Glück und stellte den „Babyblues“ in den Mittelpunkt ihrer Gespräche.

Diese und weitere Probleme standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung im Forum der VHS Oldenburg bei der „Lebendigen Bibliothek“. Es ging um Austausch und Verständigung. Zwölf Bürger, die häufig aus verschiedenen Gründen mit Stereotypen und Vorurteilen konfrontiert sind und dabei auch Diskriminierungserfahrungen erleben, stellten sich als „Lebendige Bücher“ den Fragen der Besucherinnen und Besucher – besser gesagt, den „Leserinnen und Lesern.“

In einer Bibliothek leihen sich bekannterweise Interessierte für eine begrenzte Zeit Bücher aus. Der Unterschied und das Besondere bei der Ausleihe in einer „Lebendigen Bibliothek“, der Inhalt dieser „Bücher“ waren die ausgewählten zwölf Personen und deren individuelle Lebensthemen. Zur Wahl standen die „Buchtitel“ und damit die Außenseiterposition: Homosexualität, Behinderung, Konvertierte Muslima, Kranker Straftäter, Person mit Beeinträchtigung, Baby Blues, Erfolgreiche Geschäftsfrau, Veganerin, Person mit Lese- und Schreibschwäche, Sinti und Roma, Obdachlosigkeit und Flucht. Bei der Entscheidung zu einem Gespräch half ein Katalog der „Lebendigen Bücher“ mit einen „Klappentext“, wie bei Büchern üblich. Zum Beispiel bei dem „Buch“ Obdachlose Person: „Ich bin ein offener, toleranter und positiv denkender Mensch.“ Diese Person hat durch Arbeitslosigkeit und eigenes Fehlverhalten die Mietwohnung verloren. Bei möglichen Fragen gäbe es „keine Tabus“ zu einer „neuen Art von Lebenskampf, Diskriminierung, Hygiene oder Drogenproblemen.“ Die Person mit Beeinträchtigung wollte gern von sich erzählen: „Ich bin Gärtnerin und arbeite seit fast fünf Jahren bei der Baumhaus Werkstatt gGmbH. Gern helfe ich auch in der Küche aus. Überhaupt bin ich sehr hilfsbereit. Ich liebe es zu reisen und die Welt kennen zu lernen, Einiges mache ich mit Assistenz. Was das für mich heißt und wie das funktioniert, kann ich gern erzählen.“

Das Interesse an dem Austausch mit allen „Lebendigen Büchern“ war groß. Nach der Anmeldung bei ehrenamtlichen Bibliothekaren „liehen“ sich die Besucher die gewählten lebendigen Bücher für ein 30-minütiges Gespräch aus. Vertraulich und intensiv fanden die Gespräche an kleinen Tischen im Café statt – für beide Seiten eine „bereichernde und sehr gute“ Erfahrung. Eine Warteliste regelte die Reihenfolge. Doch auch während der Wartezeiten stand bei den Besuchern die Kommunikation im Mittelpunkt. Angeregt durch die „Titelauswahl“ ergab sich viel Gesprächsstoff über eigene Meinungen, mögliche Vorurteilen und den Umgang mit Menschen, die offensichtlich nicht dem Mainstream angehören.

Die „Lebendige Bibliothek“ wurde gemeinsam von der Akademie der Ev.-Luth. Kirche, dem Präventionsrat und der VHS veranstaltet. Die Verantwortlichen Anna Drosdowska (VHS Oldenburg), Melanie Blinzler (Präventionsrat Oldenburg) und Uwe Fischer (Ev. Akademie) freuten sich über das Interesse und die Akzeptanz. „Positiv war die Erfahrung der „Bücher“, sie fanden den Tag sehr gut und fühlten sich nicht ausgefragt. Im Gegenteil, sie empfangen den Austausch und das Miteinander sehr angenehm“, sagte Uwe Fischer nach der Veranstaltung.

29-Maerz Lebendige BibliothekMelanie Blinzler (von links), Uwe Fischer und Anna Drosdowska freuten sich über das große Interesse an der „Lebendigen Bibliothek“.
Foto: Bärbel Romey

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