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Gauck Lesung 10-04-07 Gauck Buchsignierung 10-04-07

Delmenhorster Kreisblatt , Donnerstag, 08.04.2010

Freiheit als Hauptbotschaft

Joachim Gauck liest in der Stadtkirche

Er gilt als Galionsfigur der politischen Wende in der DDR. Mittwochabend hat Joachim Gauck in der Stadtkirche aus seinem bewegten Leben erzählt.

Von Helmuth Riewe Delmenhorst.

Als unbeugsamen Freiheitshelden von der Ostsee hat sich am Mittwochabend in der Delmenhorster Stadtkirche mit viel Selbstbewusstsein der Rostocker Pastor Joachim Gauck vorgestellt. Die auf Einladung der City-Kirche Delmenhorst sowie der Evangelischen Akademie Oldenburg erfolgte Lesung aus seinem Buch „Winter im Sommer, Frühling im Herbst“ nutzte der Gast, um seine Gegnerschaft zum DDR-Regime in all seinen familiären Verzweigungen darzulegen. In einer Art politischen Vermächtnis legte der einstige Volkskammerabgeordnete zum Ende seiner Lesung zudem ein glühendes Bekenntnis zu den Freiheitsrechten des Grundgesetzes sowie zu der schwarzrotgoldenen Fahne der Bundesrepublik ab. Bewusst habe er sich zum Jahrestag „60 Jahre Grundgesetz“ in Berlin vor einer solchen Fahne ablichten lassen, erläuterte der langjährige Chef der „Gauck-Behörde“ seinen 120 Zuhörern.

Schon die Kindheit und Jugend Gaucks an der mecklenburgischen Küste war geprägt von früher Politisierung und Gegnerschaft zum sowjetischen Herrschaftssystem innerhalb der DDR. Als Elfjähriger musste er miterleben, wie sein Vater 1951 verschleppt und nach einem Geheimprozess als Zwangsarbeiter nach Sibirien gebracht wurde. Trotz mutiger Bemühungen der Großmutter und der Mutter erfuhr die Familie lange nichts vom Schicksal des Familienvaters. Erst im Herbst 1955, nach dem legendären Besuch des westdeutschen Bundeskanzlers Adenauer in Moskau, konnte auch Vater Gauck zu seiner Familie zurückkehren.

„Ich wurde schon mit elf Jahren politisiert; ich war stinkig“, fasste Joachim Gauck in der Stadtkirche diese frühe Erfahrung zusammen. Zugleich war er in eine Familie eingebettet, die ihm Halt und die nötige Kraft zur Selbstbehauptung auch in schwierigen Zeiten gab. Als er eines Tages wegen guter schulischer Leistungen mit einer Plakette zurückkam, auf der das FDJ-Zeichen zu sehen war, setzte es von der Mutter spontan eine Ohrfeige. Das hatte fürs Leben gesessen. Und auch der Vater war Heimat verbunden genug um zu sagen: „Soll der Erich Honecker doch ins Saarland gehen, wo er herkommt. Wir bleiben hier.“

„Freiheit, Freiheit, Freiheit. Immer mehr nahm dieser Wert im realen Leben der DDR ab“, so Joachim Gauck. Parallel wuchs in ihm der Wille, im Rahmen seiner Möglichkeiten allen Freiheitsideen Raum und Öffentlichkeit zu verschaffen. Den Bau der Mauer und der Grenzanlagen hatte der junge Mann als weiteren bitteren Einschnitt erlebt. Immerhin ein Viertel seines Jahrgangs sei während oder nach der Schule in den Westen gegangen, über West-Berlin sei das bis 1961 kein Problem gewesen. „Einen Schulkameraden haben wir während einer Pause zum Bahnhof gebracht. Und am nächsten Wochenende haben wir ihn in Berlin besucht“, erzählte Joachim Gauck.

Als Pastor in Rostock, unterstützt und gefördert auch von westdeutschen Kirchengemeinden und Kirchenvertretern, machte sich der mutige Theologe unter Oppositionellen einen Namen, durfte ab und an auch Westreisen absolvieren. Bitterkeit kam in ihm hoch, als in den 1980er-Jahren drei der vier Kinder die DDR verlassen wollten, weil sie mit den Repressionen nicht zu Recht kamen. „Sie haben Freiheit und Demokratie gesucht. Ich wünschte mir so, sie würden bleiben“, formulierte Joachim Gauck am Mittwoch emotional.

Er selbst stand am richtigen Ort, als sich im Herbst 1989 eine „neue Zeit“ anzubahnen schien. Es waren historische Tage, und genüsslich zitierte der 70-Jährige aus Briefen, die er damals an die Tochter im Westen geschrieben hatte. Von seinen Kollegen hatte er das Mandat zu „politischen Predigten“ erhalten und so wurde Joachim Gauck im DDR-Wendejahr 1989 speziell in Rostock zu einer Art politischer Galionsfigur. Über das „Neue Forum“ zog er in die frei gewählte Volkskammer ein.

Ins Zentrum der Zeitgeschichte mit Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus rückte der durchsetzungsstarke Mann, als er 1990 den Auftrag erhielt, in einer von ihm aufzubauenden Bundesbehörde die Taten der DDR-Unterdrückungsmaschinerie „Stasi“ aufzuarbeiten. Damit hatte Joachim Gauck endgültig sein großes Thema gefunden. Grundrechte in der Verfassung, Herrschaft des Rechts, freier Markt, das sind Werte, über die er ins Schwärmen geraten kann. „Das Freiheitskapitel ist in meinem Buch die politische Hauptbotschaft“, setzte er in der Stadtkirche nach, als ob das nicht jeder längst mitbekommen hätte. „Freiheit als Sehnsucht, sie hat eine verlockende Kraft.

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