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Evangelische Zeitung, Sonntag, 20. Dezember 2009

"Wir entdeckten unsere Würde"

Kirchenmusikerin Flois Knolle-Hicks war Zeitzeugin der schwarzen Befreiungsbewegung in den USA

Oldenburg. Montgomery, Alabama, 1. Dezember 1955. Eine schwarze Frau weigert sich ihren Platz im Bus für einen Weißen zu räumen – und wird verhaftet.

Die Geschichte von Rosa Parks, deren Verhaftung eines der auslösenden Ereignisse der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung war, ist Thema des Spielfilms "The Rosa Parks Story", der jetzt als Veranstaltung der oldenburgischen Akademie und des "Cine K" gezeigt wurde.

Als Gast berichtete dabei die Frankfurter Kirchenmusikerin Flois Knolle-Hicks, die in der Stadt Baltimore in Maryland, USA, aufgewachsen ist von ihren persönlichen Erinnerungen an die Bürgerrechtsbewegung.  "Als Kind dachte ich, nur Schwarze sterben, Weiße leben ewig", beschrieb Flois Knolle-Hicks die über viele Generationen gewachsene Lebenserfahrung des Rassismus in den USA. "Unser Platz in der Welt der Weißen war unten oder weit weg, auf jeden Fall anderswo, nicht da, wo sie selber gingen, saßen, standen, kurz: lebten, obwohl wir ihre Küchen putzten, Autos steuerten, als ,Nannys‘ ihren Kindern den Po abputzten und ihre Häuser und Straßen schrubbten."

"Seperated but equal" – getrennt, aber gleich – so lautete der Slogan, nach dessen Prinzip die weiße Vorherrschaft in Amerika nach der Abschaffung der Sklaverei garantiert werden sollte. In der Realität bedeutete das, dass Schwarze und Weiße von der Wiege bis zur Bahre getrennt waren, von getrennten Stockwerken in Krankenhäusern bis zu separaten Friedhöfen. "Sogar im Tod waren wir getrennt", sagte Knolle-Hicks.

Die Trennung zog sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche, auch durch die Kirchen. Seit einigen großen Sklavenaufständen in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts war den Schwarzen der eigene Gottesdienst verboten. Doch die schwarzen Gemeinden existierten weiter, überlebten im Untergrund und wurden für viele Schwarze zu einer Heimat. Dort spielte sich das soziale und kulturelle Leben ab, "hier konnten wir die Last einer ganzen Woche voller Kontrolle über uns abstreifen", sagte Knolle-Hicks. Kontrolle hieß dabei vor allem Selbstkontrolle, hieß, ständig darauf zu achten, die Rolle beizubehalten, die für die Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft vorgesehen war.

Die Bewegung, die unter anderem mit der Verhaftung Rosa Parks begann, kam erst Jahre später in Baltimore an. Inzwischen hatten die Schwarzen nationale Aufmerksamkeit bekommen, insbesondere Martin Luther King und die jungen politischen Aktivisten der SCLC (Southern Christian Leadership Conference), die zum gewaltlosen Widerstand aufriefen. Schwarze wie Weiße schlossen sich dem wohl populärsten Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung an.

Auch Flois Knolle-Hicks organisierte mit ihren Mitschülern Boykottmaßnahmen. In den schwarzen Gemeinden und Familien hätte Anspannung und Angst angesichts der vielen Todesfälle und des harten Durchgreifens der Polizei geherrscht, berichtete Knolle-Hicks. "Wir hatten Angst vor den Gewaltausbrüchen und erlebten doch zugleich, dass wir endlich begannen, so etwas wie Würde unserer selbst zu entdecken", sagte sie.

Sowohl die gewaltlose Bürgerrechtsbewegung als auch die militante Black Power Bewegung konnten Erfolge verbuchen. Die Aufhebung der Rassentrennung 1964, ein neu entwickeltes schwarzes Bewusstsein und die Wahrnehmung der afroamerikanischen Kultur in der Öffentlichkeit zählten ebenso dazu wie die Integration einiger Schwarzen in wichtige wirtschaftliche und gesellschaftliche Positionen. "Doch die Masse der Schwarzen blieb, wo sie war: in der gesellschaftlichen Unterschicht", zog Flois Knolle-Hicks ein Resümee der schwarzen Befreiungsbewegung. "Und nur weil wir einen schwarzen Präsidenten haben, heißt das nicht, dass sich heute alles verbessert hat", meinte sie abschließend.



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