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NWZ vom 25.06.09

"Wir müssen die Welt verändern"

INTERVIEW  Priester und Poet Ernesto Cardenal kämpft weiter als Revolutionär
Die Texte Cardenals wurden vielfach ausgezeichnet. Auf Einladung der Evangelischen Akademie las er jetzt in Oldenburg.
VON KARSTEN KROGMANN

FRAGE: Es heißt immer, Sie seien eine Mischung aus Christ, Marxist und Che Guevara - was von den dreien sind Sie denn am liebsten?
CARDENAL: Von Che Guevara habe ich nicht viel, außer dass wir beide eine Baskenmütze tragen. Aber das tun viele Menschen in Spanien oder in Frankreich, und bei mir hat das einen Grund: Ich habe lange haare, die ich damit in Form halte (nimmt die Mütze ab).

FRAGE: Sind Sie ein Revolutionär?
CARDENAL: Ja. Ich bin auch Christ und Marxist; ich versuche, beides zu sein.

FRAGE: Was ist Ihre revolutionäre Botschaft?
CARDENAL: Es ist dieselbe Botschaft wie die des Evangeliums: die Ankündigung des Reiches Gottes. Es gibt Theologen, die sagen, wenn Jesus vom Reich Gottes sprach, dann war das die Ankündigung von Revolution. Jesus' Botschaft war subversiv, und sie führte wie viele Revolutionen auch zum Tod - bei Jesus. Das Evangelium will das, was auch Che Guevara wollte: die Veränderung der Welt, den Sieg der Armen.

FRAGE: Sie sind vor mehr als 50 Jahren durch das Elend der armen Landbevölkerung in Lateinamerika politisiert worden. Was meinen Sie: Ist die Welt in den vergangenen 50 Jahren besser oder schlechter geworden?
CARDENAL: Ich wurde Revolutionär als ich 1970 auf Kuba war. Das war meine zweite Konversion: Die erste war die zu Gott, die zweite die zur Revolution. Und ich glaube noch dasselbe wie damals. Fidel Castro hat vor zwei, drei Jahren gesagt, dass die Gründe, warum er die Revolution gemacht hat, immer noch existieren. Deshalb brauchen wir auch heute noch die Revolution.

FRAGE: Zuletzt sind Sie aber vor allem als Dichter in Erscheinung getreten. Kann man mit Poesie Revolution machen, kann man mit Gedichten die Welt verbessern?
CARDENAL: Poesie kann helfen, die Welt besser zu machen, gemeinsam mit anderen Faktoren. Musik, Malerei, alles, was Kultur ist, kann helfen. Und auch eine wohlverstandene Religion kann helfen, die Welt zu verbessern.

FRAGE: Ist die Befreiungstheologie gescheitert?
CARDENAL: Die Theologie der Befreiung bedeutet Befreiung der Armen, also Revolution. Aber sie hat Schwierigkeiten, weil sie vom Vatikan verfolgt wird. Die beiden letzten Päpste betrieben eine reaktionäre Politik: Die Priester der Theologie der Befreiung mussten viele Rückschläge hinnehmen. Aber solange es Armut gibt, wird es auch die Theologie der Befreiung geben.

FRAGE: Glauben Sie, dass bewaffneter Kampf helfen kann, die Welt besser zu machen?
CARDENAL: Wenn es keinen anderen Weg mehr gibt - ja! Selbst der Papst hat gesagt, dass bewaffneter Kampf in einer Diktatur berechtigt sein kann. Wenn es keine Parteien gibt, keine frei Presse, dann kann das die letzte Möglichkeit sein.

BEWEGTES LEBEN
Ernesto Cardenal, geboren 1925 in Nicaragua, ist Poet, Priester und Politiker. 1954 beteiligte er sich aktiv am Sturz des Diktators Garcia, 1965 wurde er zum Priester geweiht, 1979 wurde er Minister der sandinistischen Regierung. 1985 suspendierte ihn der Vatikan vom Priesteramt wegen seines Engagements für die sogenannte Befreiungstheologie.


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