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NWZ 16. April 2008

Schwierige Verdauung des Bösen

LITERATUR Daxner referiert über Littells Skandalroman „Die Wohlgesinnten“
800 000-mal wurde das Buch allein in Frankreich verkauft. Professor Michael Daxner (61) sprach in der Uni.
VON KARSTEN KROGMANN OLDENBURG – Dieses Buch ist eine Zumutung. Es hat 1381 Seiten, wiegt 1,4 Kilogramm und kostet 36 Euro. Sein Inhalt ist voller Obszönitäten; es geht um Inzest, um homosexuelle Praktiken, um Verdauungsprobleme, um – man muss es leider so sagen – Scheiße. Es geht außerdem um Mörder, die auf der Hirnmasse ihrer Opfer ausrutschen, und um die logistischen Probleme der Judenvernichtung, der Shoa. Die Hauptperson dieses Buches ist ein SS-Offizier, der an all dem beteiligt ist und einem dabei noch nicht einmal richtig unsympathisch ist. Soll man sich dieses Buch also zumuten? Ja – sagt Professor Dr. Michael Daxner, der Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ im Auftrag der Akademie der ev.-luth. Kirche in Oldenburg gelesen hat. Ihn hat, auch er muss das so sagen, nach 150 Seiten „der Geruch von Scheiße“ nicht mehr verlassen, aber das war unvermeidlich: Littells Roman sei nämlich „eines der wenigen Bücher, die den Nazis einen Körper geben, sagt Daxner. „Die Nazis waren kein böses Prinzip – sie waren Menschen mit Bäuchen, Köpfen, Geschlechtsorganen.“ Womöglich macht eben das dieses Buch zur Zumutung: dass nichts Unmenschliches vorkommt, sondern nur Menschliches. „Menschen machen die Shoa“, schlussfolgert Daxner, „also ist die Shoa menschlich.“ Oder um es mit Max Aue zu sagen: „Alle Menschen sind zu allem fähig. Es ist Schicksal, wo einer schuldig oder unschuldig wird.“ Dr. Max Aue, so heißt der SS-Offizier in Littells Buch, liebt Bach. Er selbst spielt kein Klavier, was er sehr bedauert. Bei Erschießungen fällt ihm Tschechow ein, während Berlin zerbombt wird, liest er Flaubert. Am Ende beißt er dem Führer in die Nase. „Wenn man nicht aufpasst, wird einem der Max punktuell sympathisch gegenüber der Banalität und Vulgarität seiner Umgebung“, warnt Daxner. Dieser Max Aue, Ich-Erzähler des Romans, der seine Leser mitnimmt nach Stalingrad und nach Auschwitz, ist ein gebildeter Mann. Wenn seine Leser das auch sind, entschlüsseln sie womöglich die zahlreichen Anspielungen Littells. Daxner gibt seinen Zuhörern im vollbesetzten Saal der Uni-Bibliothek Hilfestellung: Der Roman sei aufgebaut wie eine Bach’sche Suite, mit der hektischen Courante und der folgenden Sarabande, „die teilweise unerträglich langsam ist“. Freuds Traumdeutung wird zitiert und natürlich C. G. Jung, vor allem aber die griechische Mythologie. Denn Aues inzestuöses Verhältnis zu seiner Zwillingsschwester Una, von manchen Kritikern als „Pornografie“ beschimpft, spiele auf Orest und Elektra an. Wie Orest sei Aue vaterlos, habe einen Pylades, einen treuen Freund an seiner Seite (hier den SS-Offizier Thomas), töte seine Mutter. Und wie Orest werde er von den Erinnyen verfolgt, den Rachegöttinnen, die auch Eumeniden heißen oder auf Deutsch: die Wohlgesinnten. Man muss das aber nicht wissen, beruhigt Daxner, „dafür sind die Hochschulen da“. Dieses Buch, das sich in Frankreich bereits 800 000-mal verkauft hat, ist also widerlich und klug, es ist absurd und manchmal komisch, es ist erfunden und doch so wahr. Ach, schließt Daxner, erst leise, dann eindringlicher: „Lesen. Lesen! LESEN!“
Littel - Daxner 1 Littel - Daxner 2
Professor Michael Daxner


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