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EZ Nr. 49 vom 09.12.2007

Opfer werden zu Täterinnen

Oldenburgische Frauenarbeit beteiligt sich an Aktion von "Terre des Femmes"

Oldenburg. Bereits zum zweiten Mal beteiligt sich die Frauenarbeit der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Oldenburg an der Fahnenaktion der Organisation "Terre des Femmes", die das Motto "Nein zu Gewalt an Frauen" hat.
In der Zeit zwischen dem 25. November, dem internationalen UNGedenktag gegen Gewalt an Frauen, und dem Tag der Menschenrechte am 10. Dezember hängt die "Terre des Femmes"-Fahne vor zahlreichen Organisationen und Verbänden in der Bundesrepublik, darunter auch vor dem Gebäude der Evangelischen Frauenarbeit in der Oldenburger Haareneschstraße 60. Zu den Veranstaltungen rund um den Gedenktag gehörte auch eine Tagung der Frauenarbeit in Kooperation mit der Akademie der oldenburgischen Kirche in der Heimvolkshochschule in Rastede. Thema des Seminars war der Zusammenhang von Opfer- und Täterinnenrolle.
Frauen, die zu Täterinnen werden, sind selbst häufig Opfer von Missbrauch und häuslicher Gewalt. Etwas jede dritte Frau wurde in ihrem Leben bereits Opfer von Gewalt. Statistisch gesehen ist Frauenkriminalität jedoch unbedeutend. Nur knapp 4,5 Prozent aller Inhaftierten in der Bundesrepublik sind Frauen, davon nur wenige Gewalttäterinnen. Auf der Veranstaltung "Vom Opfer zur Täterin – Frauenvollzug zwischen Sicherheit und Emanzipation" referierten die stellvertretende Leiterin der Justizvollzugsanstalt (JVA) für Frauen in Vechta, Petra Huckemeyer, und Pfarrerin Anette Domke, Gefängnisseelsorgerin in der JVA Vechta. Dabei ging es auch um die Frage, inwieweit Strafvollzug in der Lage ist, die Spirale von Gewalt zu unterbrechen.
Weiter war die Frage, wie die inhaftierten Frauen mit ihrer Schuld umgehen und welche Hilfen sie erfahren, von großem Interesse. Huckemeyer informierte zu Beginn der Veranstaltung über die Justizvollzugsanstalt von Frauen und nahm die Teilnehmerinnen zu einem "Rundgang durch die Anstalt" in Form einer Powerpoint-Präsentation mit. Die in einem ehemaligen Franziskanerkloster untergebrachte JVA für Frauen in Vechta ist die zentrale Einrichtung für Frauen in Niedersachsen mit allen Haft- und Vollzugsarten für Frauen jeden Alters. Mit den Außenstellen in Falkenrott, Hildesheim und Alfeld beträgt die Zahl der Belegungsplätze 292. Etwa die Hälfte der inhaftierte Frauen ist suchtmittelabhängig. So gehört zu den Angeboten neben der Vermittlung von Suchttherapien und interner Suchtberatung auch die psychosozial gestützte Versorgung mit Drogen- Substitutionspräparaten. Eines der wichtigsten Ziele der Arbeit liegt in der Stabilisierung und Emanzipation der betroffenen Frauen aus vielfältigen Abhängigkeiten. Dazu gehören auch die Abhängigkeiten von gewalttätigen Männern. Deutlich wurde in den Ausführungen der Referentinnen, wie schwierig die Herauslösung aus belastenden Bezügen ist. Häufig fallen die Frauen nach ihrer Rückkehr in die Gesellschaft in alte Muster zurück. Daraus erklärt sich auch die relativ hohe Zahl an Frauen, die wiederholt eine Freiheitsstrafe verbüßen müssen.
Auf die Frage, wie Frauen mit ihrer Schuld umgehen, versuchte die Gefängnisseelsorgerin Anette Domke zu antworten. Trotz häufiger Verdrängungsversuche stellen sich doch immer wieder inhaftierte Frauen im seelsorgerlichen Gespräch dem Problem der Schuld. Sehr eindrücklich war das im Rahmen einer Andacht in der JVA als Ansprache ausgearbeitete persönliche Bekenntnis einer inhaftierten Frau, welches Domke vorlas. Darin beschreibt die Verfasserin, wie sie früher die Schuld und Fehler immer bei anderen suchte und allmählich erkannte, wo ihre eigenen Anteile liegen und dass sie selbst mit ihrer Schuld fertig werden muss. Ihr Werdegang war zwar geprägt von schwierigen familiären Verhältnissen, der "zu großen Liebe" ihres Vaters, dem zu geringen Verständnis ihrer eigenen Mutter und von weiteren problematischen Begegnungen. Doch auch eigene Schwäche spielte eine entscheidende Rolle. Sie kann mittlerweile verzeihen, aber nicht vergessen.
Auch aus den anderen verlesenen Texten von inhaftierten Frauen wurde deutlich, wie häufig eigene traumatische Erfahrungen von Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung die Biografie der betroffenen Frauen geprägt hat. Längst nicht alle Opfer von Gewalt werden selbst zu Täterinnen, erst recht nicht zu Gewalttäterinnen. Doch die meisten Frauen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, haben schwierige Startbedingungen in ihrem Leben gehabt und sind in irgendeiner Form Opfer gewesen. Prävention muss also schon ganz früh beginnen und ist eine Herausforderung an die gesamte Gesellschaft.
Andrea Schrimm-Heins

Presse-07-12-09

Petra Huckemeyer (v.l.), stellvertretende Anstaltsleiterin der JVA Vechta, Anette Domke, JVA-Gefängnisseelsorgerin, Christel Klust, Gemeindepädagogin der Evangelischen Frauenarbeit und Andrea Schrimm-Heins, Referentin der Evangelischen Frauenarbeit,
unterstützen die "Terre des Femmes"-Aktion.



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