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Evangelische Zeitung vom 15.04.2007

Wahrheit und Gerechtigkeit

Pfarrer Dieter Qualmann geht nach 38-jähriger Tätigkeit in der Oldenburger Kirche in den Ruhestand. Nur noch wenige Aktenordner stehen in dem kleinen Büro von Pfarrer Dieter Qualmann.

Bald werden die rotgeränderten Regale ganz leer sein. Am 30. April wird Dieter Qualmann mit einem ökumenischen Abendgottesdienst in der Oldenburger Lambertikirche in den Ruhestand verabschiedet. 38 Jahre lang stand der Pfarrer im Dienst der Oldenburgischen Kirche.
Was ist das für ein Gefühl, nach so einer langen Dienstzeit sein Büro auszuräumen? Pfarrer Dieter Qualmann lächelt: " Ich nehme jede Akte noch einmal zur Hand und sehe dann, wie viel irrsinnige Beratungs﷓ und Gremienarbeit es auch gegeben hat. Doch wenn etwas Gutes auf den Weg gebracht worden ist, dann hat sich diese Arbeit gelohnt."
Qualmann, seit 1969 Pfarrer der Oldenburgischen Kirche, wurde 1995 Mitglied der Oldenburger Synode, dort leitet er die Steuerungsgruppe für die Reform der Kirche. Die Leitung der Akademie der Oldenburger Kirche hat er im Jahr 2000 übernommen, seit 1993 hält er seiner Predigtstelle in Oldenburg﷓Nadorst die Treue und ist Pfarrer für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Als Religionspädagoge unterrichtet Dieter Qualmann am Gymnasium.
Ein so vielseitiges kirchliches Engagement verbietet es, eine einfache Bilanz zu ziehen und es mache das Abschiednehmen nicht gerade leicht, gibt Qualmann zu. Da ist der Rückblick auf die Synodenzeit. "Wir in Oldenburg haben unsere Kirchenreform frühzeitig und geräuschlos angepackt. Der Oberkirchenrat ist verkleinert worden, ein neues Kirchenleitungsgremium wurde geschaffen und die zentrale Mitarbeiteranstellung dient der Beschäftigungssicherheit."
Pfarrer Qualmann weiß, dass er als Leiter der Steuerungsgruppe eine umstrittene Aufgabe hatte. "Manche sagen über mich, 'Ohne den wäre nichts gelaufen' und andere 'Der ist an allem schuld'", fasst er zusammen. Dass er jemand gewesen ist, "mit dem sich Menschen auseinandersetzen konnten und mussten", kennzeichne sein Berufsleben. Er hofft, dass die neu geschaffenen Kirchenstrukturen nun von den Betroffenen mit Leben gefüllt werden. Denn "dass graubärtige 60-jährige Reformen auf den Weg bringen, die von den 30-jährigen nicht verstanden werden", das möchte Qualmann nicht.
Zu dem Rückblick als Synodaler gesellt sich auch der als Pfarrer, Theologe und Seelsorger. "Menschen in zentralen Abschnitten ihres Lebens begleitet zu haben, ist manchmal wichtiger als ein Seminar mit 100 Teilnehmern geleitet zu haben", sagt der am 16. Februar 1944 in Brake geborene Vater zweier Kinder. Gibt es für ihn einen roten Faden, der sich durch seine Biografie zieht? "Mehr als die Frage nach den Institutionen haben mich die Fragen nach Wahrheit, Wirklichkeit und Gerechtigkeit beschäftigt." Am ehesten habe er diese "Trias" in seiner Arbeit als Akademie-Leiter verwirklichen können, sagt der Pfarrer.
Speziell die Veranstaltungen zu gesellschaftspolitischen Themen lagen ihm am Herzen, wie die Entwicklung der Arbeitsmarktpolitik beispielsweise. Mit Gewerkschafts- und Wirtschaftsvertretern gestritten, eigenes kirchliches Profil gezeigt und mit Hilfe der Akademie eine Mittlerrolle gespielt zu haben, das war Dieter Qualmann wichtig.

"Mein Leben ist ein Berufsleben gewesen", sagt er im Rückblick. Doch nicht zuletzt durch den Tod seiner Frau im Jahr 2002 sei ihm deutlich geworden, dass es auch andere Prioritäten im Leben gibt. "Wenn heute ein junges Pastorenehepaar sagt, 'Am Montag ist nur der Anrufbeantworter an', habe ich dafür Verständnis."
Von seiner Kirche wünscht er sich, dass sie den Reformweg fortsetzt und nennt dabei das Stichwort "Kooperation". Gerne würde er eine mögliche Zusammenarbeit der Dienste und Werke der niedersächsischen Landeskirchen in den Händen der Konföderation wissen. Dazu sei aber eine Veränderungsbereitschaft aller fünf evangelischen Kirchen Niedersachsens in der Konföderation nötig. "Auch die hannoversche Kirche muss sich bewegen und kann nicht erwarten, dass Oldenburg ein Sprengel von Hannover wird", fügt er mit Nachdruck hinzu. Veränderungsbereitschaft wird auch von Dieter Qualmann verlangt, denn ab 1. Juli ist der viel beschäftigte Pfarrer im Hauptberuf Privatmann. Das bedeutet allerdings keine Untätigkeit.
Als "Überzeugungstäter" wird Pfarrer Qualmann weiter predigen, und für den Lokalsender "oldenburg eins" wird er eine neue Sendereihe mit kirchlich-gesellschaftlichen Themen entwickeln.
Doch die erste Aufgabe des Ruhestands wird sein, "das aus der Hand zu geben, was ich mit der Arbeit für die Akademie und Synode begonnen habe", sagt Dieter Qualmann.


Sabine Dörfel



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