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Evangelische Zeitung vom 15.04.2007

Durch eine "jesuanische Filteranlage"

Eugen Drewermann sprach in der Oldenburger Lambertikirche über sein Verständnis der Zehn Gebote

Oldenburg. "Die zehn Gebote sollen Ordnung in unser Leben bringen", sagte Eugen Drewermann jetzt bei seinem Vortrag "Zwischen Weisung und Weisheit - Die Zehn Gebote" in der Lambertikirche in Oldenburg.
Gemeinsam mit der Evangelischen Akademie hatte die Kirchengemeinde den bekannten Theologen eingeladen. Doch um heutige Menschen zu erreichen, müssten die Gebote transformiert werden, sagte Drewermann in der vollbesetzten Kirche, denn "die Bibel ordnet unser Leben nicht, sondern sie bricht es". Die Bibel enthalte polemische Aussagen gegenüber jeder anderen Religionsform, kritisierte Drewermann. Entscheidend für die Existenz des Göttlichen sei, "wie man es lebt" und nicht, was über das Göttliche in der Bibel oder von religiösen Interpreten gesagt werde.
"Reden Sie so von Gott, dass Sie die Menschen zusammenführen", forderte er seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf, denn das sei das einzige Wirklichkeitskriterium des Göttlichen. Alles andere Reden von Gott sei nur ein "projiziertes Machtinteresse autoritärer Elitegruppen".
Neuerdings sei im Abendland wieder ein "Stolz auf christliche Werte" festzustellen, doch "Gibt es die überhaupt?" fragte Drewermann.
Er kritisierte die moralisch wertenden Begriffe von "Gut und Böse" und stellte dem entgegen:
"Böse Menschen sind Verlorene." So habe Christus die Menschen gesehen und so sollten wir sie auch heute sehen, forderte er. Viele Menschen würden heute über die Gewalttätigkeit der Jugend schimpfen, doch "was wir jetzt gefühlsmäßig auf die Jugendlichen herunterströmen lassen, das nehmen sie auf." Drewermann zeigte sich überzeugt: "Der Mensch kann nur gut sein in dem Maße, wie er Liebe und Güte selber erfahren hat." Das verberge sich hinter dem Ausdruck "Gnade".
Die Zehn Gebote müssten "Ausdruck von Gnade" sein, sagte der Theologe. Sie dürften nicht gepredigt werden, sondern müssten erfahren werden. "Werte muss man fühlen", formulierte er.
Heutzutage müsse die Religion den Menschen therapeutisch begegnen. "Wir brauchen die Transformation durch Jesus, um Menschen therapeutisch begegnen zu können". Nicht durch Gesetze strafen, sondern durch eine andere Anschauung verstehen, sei heute die angemessene Haltung, um "Verlorenen" zu begegnen. "Böse" Menschen gebe es nur unter dem Blickwinkel moralischer Bewertung, therapeutisch gesehen seien "böse" Menschen "verlorene" Menschen. Religion müsse sich heute die Frage stellen: "Wie hilft man jemandem aus seiner Verlorenheit heraus?"
Drewermann forderte, dass die Zehn Gebote durch "eine jesuanische Filteranlage" gehen müssten, um therapeutisch wirksam werden zu können. So müsse das Erste Gebot eigentlich heißen: "Einen anderen Gott als die Liebe sollten wir nicht haben." Für das Zweite Gebot sei die Übersetzung "Du sollst den Namen Gottes nicht auf das Wahnhafte beziehen" angemessen. Nicht, dass Menschen mal ein "Gott verflucht" herausrutsche, sei ein Verstoß gegen das Zweite Gebot, sondern "dass deutsche Soldaten mit dem Spruch 'Gott mit uns' in zwei Weltkriege marschiert seien", sagte der Theologe.
In entsprechender Weise interpretierte Drewermann die weiteren Gebote. Nach dem rund eineinhalbstündigen Vortrag bot sich die Möglichkeit zur Diskussion.
Mancher Zuhörer konnte dem Theologen aber auch beim anschließenden Signieren seiner Bücher noch eine Frage stellen.


Sabine Dörfel



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