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NWZ 14.11.06

"Arbeit und Armut"

Oldenburg. Armut ist derzeit ein intensiv diskutiertes Thema in der evangelischen Kirche. Nicht nur bei der EKD-Synode in Würzburg, die soeben eine entschlossenere Bekämpfung der Armut und ein gerechteres Steuersystem forderte, sondern auch in Oldenburg. Pfarrer Dieter Qualmann, Leiter der Akademie der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg lud in Kooperation mit der Koordinierungsstelle Universität/Gewerkschaften der Carl-von-Ossietzky-Universität zu einem Studientag nach Oldenburg-Bloherfelde ein. Dabei lag der Akzent auf dem Spannungsverhältnis zwischen "Arbeit und Armut". Basis der Veranstaltung war die im Sommer erschienene kirchliche Denkschrift "Gerechte Teilhabe" und geboten wurde mit Referaten und Statements aus den Bereichen Wirtschaft, Gewerkschaft, Universität und nicht zuletzt Kirche eine umfassende und kontroverse Ausleuchtung des Themas.

Den Anfang machte Dr. Claudia Weinkopf (Institut für Arbeit und Technik Gelsenkirchen), die ausführte, dass inzwischen mehr als 17 Prozent der bundesweit Beschäftigten dem Niedriglohnbereich zuzurechnen sind, das heißt mit einem Bruttostundenlohen von weniger als 9,83 Euro (West) und 7,15 Euro (Ost) auskommen müssen. Davon könnten fast 75 Prozent eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen akademischen Abschluss vorweisen. "Das Armutsproblem ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", so die Referentin. Eine Ausweitung des Niedriglohnsektors in Verbindung mit der Einführung eines Kombilohns sei in dieser Situation jedoch keine Lösung. "Das käme einer Lebenslüge gleich", stimmte Dr. Claus Schaefer (Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut des Deutschen Gewerkschaftsbundes Düsseldorf) zu und fütterte die Diskussion mit einem Beispiel: In Ostdeutschland etwa habe die Niedriglohnstrategie nicht gerade zu Wirtschaftswachstum und mehr Beschäftigung geführt. Beide waren sich darin einig, dass "weiteres Lohndumping" verhindert werden muss und sprachen sich für die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes aus.

Holger Schäfer, Institut der Deutschen Wirtschaft (Köln/Berlin) hielt mit streng volkswirtschaftlicher Argumentation dagegen: "Wenn der Wertschöpfungsbeitrag eines Beschäftigten niedriger ausfällt, als was er für seinen Lebensunterhalt benötigt, ist Kombilohn besser als vollständige Transferleistungen." Er prognostizierte bei der Einführung eines Mindestlohns in Höhe von 8 Euro mittelfristig einen Abbau von Arbeitsplätzen in Millionenhöhe.

Konnte Kirche in dieser Kontroverse den nötigen Kitt für einen Brückbau mit christlichem Profil bieten? Die Verfasser der EKD-Denkschrift "Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität", zu denen auch der vierte Referent des Tages, Prof. Dr. Traugott Jähnichen (Universität Bochum) gehörte, hatten für ihre Ausführungen schließlich selber eine gesamtgesellschaftliche Perspektive in Anspruch genommen. Immerhin gelang es Jähnichen in Oldenburg, Nachdenklichkeit zu erzeugen, indem er in seinem Referat den Focus auf die Kinderarmut lenkte. Sie sei "qualitativ und quantitativ der größte Skandal und die größte Herausforderung." Die Chancengleichheit für den Erwerb einer Bildung, die nicht nur Wissen sondern auch ein Wertesystem und Handlungskompetenz umfasse, sei de facto nicht mehr gegeben. Damit würde den Kindern unabdingbare Voraussetzungen für eine künftige eigenverantwortliche Lebensführung und ökonomisch abgesicherte Existenz verweigert. Er forderte "offensive Investitionen" für die Schaffung einer Infrastruktur für Bildungsinstitutionen vom Vorschulalter an. Der kostenfreie Besuch von Kindertagesstätten sei dabei explizit einbezogen.


oeh



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