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Nordwest-Zeitung vom 03. November 2004

Heimat muss mehr sein als Folklore

VORTRAG: Heinrich Schmidt referiert bei der Akademie Regional über Geschichte und Identität

In der Wesermarsch fehlte lange ein einheitliches Heimatbewusstsein. Erst in den 70-er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte ein Wandel ein.


Von Helmut Bahlmann

BRAKE - Die Akademie Regional im Kirchenkreis Stedingen hatte zu ihrem Herbstthema "Heimat" Prof. Dr. Heinrich Schmidt aus Oldenburg nach Golzwarden eingeladen. Der Referent ging der Frage nach, ob und wie die Wesermarsch in Geschichte und Gegenwart so etwas wie Heimat werden und ihren Bewohnern Identität verleihen könnte. Seine Antwort fiel für die mehr als 60 Zuhörer eher ernüchternd aus: Anhand der Geschichte der Wesermarsch habe es nie ein einheitliches Heimatbewusstsein gegeben, zumal der westliche Unterweserraum erst 1933 "von oben" als Landkreis verfügt wurde.

Seit dem frühen Mittelalter war die Wesermarsch geteilt. Im Norden sprach die Bevölkerung friesisch, ihre Bauern. waren frei und verwalteten sich selbst. Im Süden dagegen unterhielt man sich niederdeutsch und war weltlichen oder kirchlichen Grundherren abgabenpflichtig. Der Kampf der Stedinger gegen den Bremer Bischof stiftete nur kurzzeitig eine gewisse Solidarität.

Erst technische und industrielle Errungenschaften in den letzten 200 Jahren schufen im Gegensatz zum ländlich-bäuerlichen Lebensraum Städte wie Brake, Elsfleth und Nordenham. Die vielen Fremdarbeiter beispielsweise auf den Werften an der Unterweser galten vielfach als vaterlandslose Gesellen. Ein Golzwarder Pfarrer vermutete 1881, dass sie "vom Gift der Sozialdemokratie" verseucht seien. Es dauerte, bis Anfang des 20. Jahrhunderts von diesen Männern stolz gesagt werden konnte, sie seien "echte Braker Jungs".

Auffällig sei, so der Referent, dass erst im 19. Jahrhundert zum ersten Mal eine "Heimatbewegung" entwickelt wurde, und zwar von Bürgern oder Lehrern in der Stadt oder ländlichen Bildungsbürgern wie Hermann Allmers. Die Heimat in der Wesermarsch wurde mystisch verklärt (Friesendenkmal in Hartwarden) und zu einem arteigenen Bollwerk einer zeitlosen Größe erhoben. Das führte 1933 unmittelbar in die Blut- und Boden-Ideologie der NS-Zeit, die die Stedinger Bauern ins Braunhemd steckte und ihre schlichte Weigerung Steuern zu zahlen, zum Freiheitskampf gegen die jüdisch-christliche Fremdherrschaft verwandelte.

Nach 1945 stand die bloße Erinnerung an den Heimatgedanken zunächst in dem Verdacht, Fortschritt und Zukunft zu verhindern. Als in den 70-er Jahren der Fortschritt durch den Bericht des "Club of Rome" nachhaltig in der Kritik stand, erfuhr die Heimat eine erneute Wertschätzung. Die Heimat wurde wiederentdeckt als Region, die ihre Landschaft und Umwelt, ihre Bau-und Kulturdenkmäler und Traditionen bewahren und pflegen soll und nutzen kann für den Fremdenverkehr. So entstanden in der Wesermarsch unzählige Museen, Mühlen wurden restauriert und kulturell genutzt und selbst die Kirchen öffnen sich als heimatliche Zeugen des christlichen Glaubens.

Für Schmidt ist Heimatbewusstsein legitim, sofern es in der Lage ist, sich selbstkritisch zu hinterfragen. Nur so sei es möglich, dass auch Zuwanderer in der Wesermarsch ihre Heimat finden könnten. Heimat sei nicht nur der Ort, wo einer geboren werde, sondern wo man sich aus eigener Aktivität eine vertraute Lebenswelt erschaffen könne. Eine solche Heimat habe Zukunft, wenn sie nicht nur die Kostümierung der Vergangenheit sei, nicht nur eine Art folkloristischer Freizeit-Park, sondern bewusst gestaltet werde als Gegen-Raum, in dem Herkunft und Zukunft zuammenfinden.



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