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Evangelische Zeitung, Sonntag,  31.05.2015

Bildungslücke Fremdling

„Das macht das Leben eben bunt", ganz laut erklingt die letzte Zeile des Liedes „Anders als du" aus dem Seminarraum in der Heimvolkshochschule Rastede. Gesungen wird es von den Teilnehmern des Projektes „Bildungslücke Fremdling". Jeder der 17 Teilnehmer hat eine ganz eigene Geschichte – und diese Geschichte wollen die Frauen und Männer mit Migrationshintergrund beim Kirchentag in Stuttgart erzählen. Als „Lebendige Bibliothek" wollen sie Vorurteile und Stereotype überwinden.
Mit dabei ist auch Dudu von der Elfenbeinküste. Seit 2002 lebt er in Deutschland. „Diese Bibliothek zeigt die Menschen. Was in ihnen steckt, was sie erlebt haben", sagt der 37-Jährige. Und er betont: „Schon in der Vorbereitung lernen wir Menschen kennen, tauschen unsere Kultur aus. Ich hoffe, das wird in Stuttgart noch intensiver." Bei der „Lebendigen Bibliothek" können die „Bücher" für 30-minütige Gesprächen ausgeliehen werden. Und einer der Teilnehmer darf seine Geschichte auch im Fernsehen erzählen: Dudu wird während der Zeit in Stuttgart von einem Fernsehteam begleitet.
Es sind ganz unterschiedliche Kulturen und Persönlichkeiten die in dem Projekt aufeinandertreffen. „Wir haben 14 verschiedene Nationalitäten", berichtet Uwe Fischer von der Evangelischen Akademie. Zusammen mit Heike Scharf von der Heimvolkshochschule Rastede und Anna Drosdowska von der Volkshochschule Oldenburg betreut er das Projekt. Die Teilnehmer kommen aus Vietnam, Myanmar, Usbekistan, Afghanistan, Iran, Syrien, Panama, Nicaragua, Mexiko, den Niederlanden, Österreich, Polen und der Ukraine.

„Es ist schwer, darüber zu erzählen"

So verschieden die Länder, so unterschiedlich auch die Lebensgeschichten. Einige Teilnehmer leben schon Jahrzehnte in Deutschland. Andere sind derzeit noch im Flüchtlingslager und wissen nicht, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. „Wir alle kennen Fluchtgeschichten aus den Medien. Aber es ist etwas anderes, wenn Menschen direkt ihre Geschichten erzählen", fasst Uwe Fischer das Besondere der „Lebendigen Bibliothek" zusammen. Eine solche Fluchtgeschichte hat der 20-jährige Muhammad aus Afghanistan zu erzählen. Sein Leben ist von Flucht geprägt. „Ich bin im Iran groß geworden", erzählt er. Und Fischer ergänzt: „Im Iran dürfen Flüchtlinge nicht zur Schule gehen." Seine Flucht führte den jungen Mann dann über Griechenland und Ungarn nach Deutschland. Monatelang war er unterwegs. „Es ist schwer, darüber zu erzählen", sagt er.

Lebendige Bibliothek DEKT Juni 2015   Gemeinsam singen die Teilnehmer und Organisatoren des Kirchentagsprojekts „Bildungslücke Fremdling" das Lied „Anders als du". Foto: Kerstin Kempermann

Aber in der Gruppe fühlt er sich gut aufgenommen. Beim Mittagessen wird über seinen Wunsch gesprochen, ein Praktikum in einer KFZ-Werkstatt zu machen. „Vielleicht findet sich ja jemand, der einen Platz anbietet, hoffen die anderen Teilnehmer." Die Organisatoren freuen sich über diese Gruppendynamik: „Dieses Projekt ist mehr als die Fahrt nach Stuttgart. Hier passiert so viel an Vernetzung. Das ist uns ganz wichtig", sagt Heike Scharf.
Zu den „lebendigen Büchern" gehört auch Phung. Er kommt aus Vietnam, lebt aber schon seit 45 Jahren in Deutschland. „Die Offenheit in Europa ist anders. Es hat gedauert, sich daran zu gewöhnen", erzählt er. Sich so selbstbewusst zu äußern, wie in diesem Projekt, das müsse man lernen. Nach der langen Zeit fühlt er sich in Deutschland nicht mehr fremd: „Wenn man merkt, es gibt kein hier und kein dort mehr, ist man angekommen", sagt er. In den Gesprächen werde deutlich, „Integration hört nicht nach zwei Jahren auf, das ist ein Prozess, der andauert", betont Fischer.
Ausgestrahlt wird die Sendung „Gott und die Welt" des SWR am Sonntag, 7. Juni um 17.30 Uhr in der ARD.

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