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„Ein Jammer…,
dass diese Karawane tausend Mal die Richtung wechselte…
Und tausend Mal hatten die alten Bräuche die Führung…“

Khaleda Niazi

Akademieveranstaltung am 25. März 2011
mit Elke Jonigkeit-Kaminski, Filmemacherin und Begründerin des Vereins NAZO e.V.

Frauen in Afghanistan zwischen

Fundamentalismus und Emanzipation

(gekürzte Fassung des Einführungsreferats)

Unsere Medien berichten momentan viel über die Revolutionen in den arabischen Ländern Nordafrikas. Die Fernsehbilder zeigen vor allem jubelnde, junge Männer, Fahnen schwenkend, zwei Finger zum Victory-Zeichen erhoben. Frauen sieht man nur vereinzelt. Sind sie – wie so oft – die Verliererinnen dieser Revolutionen?

Auch nach dem Sturz der Taliban im November 2001 gab es viel Medienrummel. Damals wurde sogar das Los der afghanischen Frauen thematisiert mit Slogans wie Runter mit den Burkas! Her mit Bildung und Freiheit! Vorträge, Bücher, Konferenzen etc. schossen wie Pilze aus dem Boden.

Als keine schnellen Erfolge zu vermelden waren, verloren die Medien das Interesse an den Frauen.

Im April 2009 flammte es kurz wieder auf, als der afghanische Präsident Hamid Karzai ein Familiengesetz unterzeichnete, dass die in der neuen Verfassung von 2004 zugesicherten Frauenrechte mit einem Federstrich beseitigen wollte: die schiitischen Frauen – immerhin 10% der Bevölkerung - sollten nur in dringenden Notfällen das Haus ohne die Zustimmung ihres Ehemannes verlassen dürfen. Außerdem wurden sie verpflichtet, mindestens alle 4 Tage ihrem Ehemann sexuell gefügig zu sein.

Der Westen war empört.

Und in Kabul gingen ungefähr 200 tapfere afghanische Menschenrechtlerinnen auf die Straße, um gegen den Verfassungsbruch des neuen Ehegesetzes zu protestieren – aber etwa 1000 Menschen (Frauen und Männer) verteidigten das neue Ehegesetz mit dem Slogan „Tod den Sklaven der Christen“.

Das erinnerte mich an 1988, als ich eine Versammlung der Anhänger von Gulboudin Hekmatyar im pakistanischen Exil filmte und die aufgeputschte Männermenge skandierte: „Tod den Lügnern in Ost und West. Tod den Russen, Tod den Amerikanern!

Unsere westlichen Werte, vor allem die Gleichberechtigung von Frau und Mann, stießen und stoßen immer noch auf heftigste Ablehnung.

Bis 1998 war die Weltöffentlichkeit jedoch sehr froh, dass Mudschaheddin, so genannte „Freiheitskämpfer“, wie Sayaf, Hekmatyar oder Rabbani die sowjetische Armee zum Rückzug zwangen – das große Ziel, die Sowjetunion zu besiegen, war geschafft und der Westen verlor das Interesse an Afghanistan.

Die Mudschaheddin übernahmen die Macht. Einer ihrer ersten Amtshandlungen war es, die frauenfreundliche Verfassung ihrer Vorgängerregierung außer Kraft zu setzen. Die Geschlechtertrennung am Arbeitsplatz in den Schulen wurde wieder eingeführt und die islamische Kleiderordnung vorgeschrieben, nach der eine Frau nur mit der Tschadari – dem Ganzkörperschleier – bekleidet und in männlicher Begleitung das Haus verlassen darf. Der neue Präsident Rabbani erließ sogleich eine FATWA zur Frauenfrage. Diese Fatwa – eine verbindliche Antwort auf eine an ein geistliches Gremium gestellte Frage zur Auslegung islamischen Rechts – befand:

„Bildung von Frauen ist die Quelle der Verführung und Verworfenheit. Für eine Frau besteht keine Notwendigkeit, das Haus zu verlassen. …“

Damals nahm die Weltöffentlichkeit keine Notiz vom Sklavendasein der Frauen in Afghanistan.

So gesehen war der Protest, den das neue Ehegesetz 2009 auslöste, ein Fortschritt. Immerhin wurde Hamid Karzai gezwungen, seine Unterschrift zurückzunehmen.

Ganz richtig setzte er auf die Vergesslichkeit des Westens und verabschiedete kurz darauf das Gesetz in leicht veränderter Form: Nun kann der Ehemann seiner Ehefrau den Unterhalt verweigern, wenn Sie ihren „ehelichen Pflichten“ nicht nachkommt.

Mit nur minimalen Veränderungen konnte Karzai die Forderungen des Westens umgehen.

Das kann uns natürlich verärgern oder wütend machen, sollte uns aber vielleicht eher nachdenklich stimmen: Lebensgewohnheiten, Sitten und Gebräuche lassen sich nicht so leicht ändern wie eine Verfassung. Jahrhundertealte Traditionen, in denen sich vorislamische mit islamischen Vorschriften vermischen, sind in der Bevölkerung fest verankert, und die Angst, dass die alten durch neue – durch westliche - Werte ersetzt werden sollen, ist groß. Besonders deutlich spüren die Menschen das im Umgang mit ihren Frauen und Mädchen, im alltäglichen Familienleben.

Hier ist ein Zwiespalt aufgebrochen: Vor allem die streng Gläubigen bestehen auf der traditionellen Rolle der Frau. Die Frau verkörpert die Ehre des Mannes, der Familie, ja des ganzen Volkes. Sie bringt die Kinder zur Welt, erzieht sie, kümmert sich um die Großfamilie und wird so zur Repräsentantin der „echten“ afghanisch-islamischen Kultur. Eine moderne Frau, die außerhalb des Hauses zur Schule geht, einen Beruf erlernt und ihn dann auch ausübt, kann sich nicht 100% um die Familie kümmern und stellt damit gerade diesen Wert in Frage.

Der Kampf um die Gleichberechtigung ist ein langer Weg, verbunden mit vielen schmerzlichen Rückschritten – aber der Protest der mutigen Frauen in Kabul hat gezeigt, dass auch die Afghaninnen für ihre Rechte kämpfen.

Ich selbst arbeite in Afghanistan seit 1985 und habe dort bis heute 8 Dokumentarfilme über die Lebens- und Denkweise der Menschen gedreht, speziell die der Frauen.

Meine Filmarbeit brachte mich mit den unterschiedlichsten Frauen zusammen, mit gebildeten und mit Analphabetinnen, mit Flüchtlingsfrauen und daheim gebliebenen, mit denen, die auf dem Lande leben und den Städterinnen – deswegen ist es schwer von der afghanischen Frau zu sprechen. Die unterschiedlichen Möglichkeiten und Begrenzungen bestimmen ihr Leben.

Ebenso unterschiedlich ist die Einschätzung, ob sich viel, wenig oder gar nichts für die Frauen seit dem Sturz der Taliban verbessert hat. Misst man das Leben in Afghanistan mit unseren Maßstäben, ist die Lage weiterhin katastrophal.

Einheimische Afghanen vergleichen ihr Leben allerdings mit den Zuständen vor und vor allem während der Talibanzeit und dem gegenüber hat sich einiges – vielleicht sogar vieles - zum Positiven entwickelt.

Auch wenn nach unseren Maßstäben die Veränderungen seit dem Sturz der Taliban Ende 2001 nur bescheiden sind – so sind sie für die Frauen doch enorm wichtig: Heute haben sie wieder das Recht, alleine ihre Häuser zu verlassen, zu arbeiten, zur Schule oder zur Universität zu gehen, einen Beruf zu erlernen – ja sogar ihr Land bei den Olympischen Spielen zu vertreten.

Und bei den Parlamentswahlen im November 2005 wurden ihnen per Gesetz 25 Prozent der Parlamentssitze garantiert.

Das könnte Gutes für die Zukunft verheißen – wäre da nicht die Realität.

Die Afghaninnen wissen, dass es noch ein weiter Weg ist, ihre in der neuen Verfassung formulierten Rechte in eine gelebte Realität zu überführen.

Immer wieder werde ich gefragt: „Warum legen die Frauen in Afghanistan denn den Schleier nicht ab – jetzt, nach so vielen Jahren internationaler Hilfe?

Um über die Verschleierung zu sprechen, habe ich Ihnen einige afghanische Schleier, der den ganzen Körper bedeckt, mitgebracht. Er wird in Afghanistan Tschadari genannt.

Parwin, meine langjährige Freundin und Gründungsmitglied des NAZO-Ausbildungszentrum in Afghanistan, sagt über die Verschleierung:

„Die Frauen trauen sich nicht, die Tschadari abzulegen – wer weiß, vielleicht kommen die Taliban ja zurück. Besonders die jungen Frauen haben immer noch Angst. Sie denken: Wenn ich den Schleier hochschlage, könnte ein Talib kommen und mir Säure ins Gesicht spritzen."

Das vergangene 20. Jahrhundert zeigt, dass gerade Afghanistans Reformen immer wieder an der „Frauenfrage“ scheiterten:

König Amanullah forcierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Emanzipation der Frauen von oben herab – und wurde von erzkonservativen Kräften außer Landes getrieben.

Diese regierten Afghanistan bis zum Sturz des Königs Zahir Schahs 1973. Danach setzte langsam eine Liberalisierung ein, die jedoch nur für die Frauen der Oberschicht von Bedeutung war.

Als 1978 mit der „April-Revolution“ die afghanischen Kommunisten an die Macht kamen, starteten sie Bildungskampagnen, investierten in die Infrastruktur und ins Verkehrswesen, errichteten Fabriken, bauten Straßen, Wohnungen und Krankenhäuser. Auch Mädchen sollten zur Schule gehen, einen Beruf erlernen und ihn auch ausüben. (Bis dahin lag die Analphabetinnen Quote bei mehr als 95%.) Während der sowjetischen Vorherrschaft stieg die Zahl der berufstätigen Frauen um Kabul herum von 5000 auf 50 000.

Die Sowjets wollten neben ihren politischen Zielen auch die Rückständigkeit Afghanistans beheben und das Land modernisieren, doch leider geschah dies ohne das notwendige Wissen über afghanische Sitten und Gebräuche, geschweige denn die gesellschaftlichen Realitäten.

So wurde z.B. die Entschleierung per Gesetz angeordnet – mit dem Erfolg, dass sich auch die fortschrittlichen Kreise auf ihre afghanische Tradition besannen und die Tschadari zum Widerstandssymbol erhoben.

Ein Mädchen aus meinem Film Tschadari & Buz Kaschi sagt 1989 dazu:

Nach dem Abitur ging ich zur Uni. Nach 3 Monaten verließ ich die Fakultät.

Wegen unserer Sitten und Gebräuche wollte ich den Schleier tragen und zu Hause bleiben.

Der 10-jährige Krieg gegen die Sowjetmacht begann. Männer aus allen Schichten verließen ihre Familien und ihren Arbeitsplatz, um als Mudschaheddin – Gotteskrieger – gegen die russischen Soldaten zu kämpfen. Studentinnen verließen die Universität mit dem Argument, die afghanische Frau gehöre ins Haus, und ihre vornehmste Pflicht sei es, Kinder zu bekommen und sie zu guten Moslems zu erziehen.

Nach dem Rückzug der Sowjets 1989 verloren Amerika und der Westen sehr schnell das Interesse an dem Land. Es entstand ein Vakuum, in dem die Führer der ehemaligen Widerstandsparteien um die Macht kämpften. In einem fünfjährigen Bruderkrieg konnte keiner von ihnen den anderen besiegen. Es herrschten Willkür, Kriminalität und Zerstörung.

Das rief 1996 die Taliban auf den Plan, die den verzweifelten Menschen versprachen, für Ordnung zu sorgen. Wie Sie wissen, drehten die Taliban das Rad zurück, trieben die Frauenverachtung auf die Spitze und setzten in ihrem neu gegründeten "Islamischen Emirat Afghanistan" eine extrem patriarchale Geschlechterpolitik durch: Frauen wurde jede Berufsausübung verboten, Mädchenschulen wurden geschlossen oder existierten nur heimlich im Untergrund. Im Fußballstadion von Kabul fanden öffentliche Steinigungen statt, an denen die Bevölkerung teilnehmen musste. Eine Sittenpolizei mit schwarzen Turbanen sorgte mit Schlagstöcken auf den Strassen für die Befolgung einer radikalen Kleiderordnung für Frauen. Dazu ein Zitat aus meinem Film Die Frauen von Kabul – Sterne man verbrannten Himmel:

Ich war im Stadtviertel Wazir Akbar Khan unterwegs, da sah ich eine Frau, die Ihr Kind auf dem Arm trug. Ein bisschen von ihrer Hand schaute unter der Tschadari hervor, und etwas Haut konnte gesehen werden. Man hat sie so sehr geschlagen! Zuerst fiel ihr Kind, dann stürzte auch sie zu Boden. Auch dem Kind gegenüber kannten sie keine Gnade.“

Das geschah zur Talibanzeit.

Heute hat sich zwar die Situation verbessert, doch ist es noch ein weiter Weg, bis die Mehrheit der afghanischen Frauen den Schleier ablegt. Dazu ein Zitat von Schaima, der Geschäftsführerin des NAZO-Ausbildungs-zentrums:

„Aus Angst vor Misshandlung, Vergewaltigung, Verschleppung - aber auch aus traditionellen Gründen - tragen die Frauen immer noch die Tschadari. Selbst in Kabul nahezu 80 Prozent.“

Parwin, Schaima und viele andere Frauen kämpfen für die Gleichberechtigung der Frau. Aber um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, verhalten sie sich sehr vorsichtig. Jeder Schritt in Richtung Selbstbestimmung wird sorgfältig überlegt.

Die Organisationen Human Rights Watch und Unicef berichten, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen, Zwangsheirat und Prostitution, ja selbst Kidnapping und Menschenhandel wieder zugenommen haben. Die Frauengefängnisse sind überfüllt. Wegen kleinster "sittlicher" Vergehen, wie Flucht vor Zwangsheirat oder aus Gewaltbeziehungen, werden Frauen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.

Für meinen neuen Film „Überleben in Kabul – eine Stadt und ihre Frauen“, den Sie nachher sehen werden, besuchte ich mit Mina, einer Staatsanwältin, die auch als Menschenrechtlerin in Kabul arbeitet, das neue Frauengefängnis in Kabul. Sie schildert, wie unwissend zum Teil sogar die Richter und Staatsanwälte sind, die die Gesetze, nach denen sie Recht sprechen sollen, nicht kennen, bzw. nicht kennen wollen. Mina stellt am Schluss ratlos fest:

Die Taliban sind zwar besiegt, nicht aber ihre Gesetzgebung.

Als 2004 die neue Verfassung in Kraft tritt, wird sie in unseren Medien als „die fortschrittlichste Verfassung eines islamischen Landes“ gefeiert. Steht doch im Artikel 22:

Jegliche Form von Bevormundung oder Bevorzugung unter den Bürgern Afghanistans ist verboten. Die Bürger Afghanistans, sowohl Frauen als auch Männer, haben vor dem Gesetz gleiche Rechte und Pflichten. (Übersetzung des Max Planck Institutes)

Vorausgegangen war eine heftige Auseinandersetzung, ob es sich bei dem neuen Staat um eine „Republik Afghanistan“ oder eine „Islamische Republik Afghanistan“ handeln soll. Die konservativen Kräfte können sich durchsetzen und so wird Afghanistan eine Islamische Republik, die im Artikel 3 des Grundgesetzes festlegt, dass – Zitat – „in der islamischen Republik Afghanistan kein Gesetz im Widerspruch zu den Grundlagen des Islam“ stehen darf.

Anders ausgedrückt: Das religiöse Scharia-Recht steht in Streitfällen über dem staatlichen Recht. (Das nennt man Schariavorbehalt) Und weil es nach der Scharia keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen geben kann, kann man sich fragen, welchen Wert der in der Verfassung verankerte Gleichberechtigungsartikel überhaupt hat.

In der Praxis sieht das dann so aus: Über familienrechtliche Streitfälle - also alles was Frauen betrifft - entscheidet in Kabul der oberste Gerichtshof, der seit Jahren mit religiöskonservativen Kräften besetzt ist, die kein Interesse an Frauenrechten haben. Zu sehr stehen solche Freiheiten im Widerspruch zu allem, was in Afghanistan bisher gelebt wurde.

Wie die Urteile ausfallen, können Sie sich denken!

Und so ist die Scharia nach wie vor die verbindliche Rechtsnorm – vermischt mit dem Gewohnheitsrecht des jeweiligen Gebietes.

"Fortschritt" in unserem Sinn wird auch durch die kulturell bedingte Verinnerlichung der Rollenverteilung erschwert – und das gilt für beide Geschlechter, für Frau und Mann. Dazu gehört, dass der gesellschaftlich bedingte Ehrenkodex es den Frauen sehr schwer macht, miteinander zu kommunizieren.

Ein "ehrenwerter" Mann ist das uneingeschränkte, von allen respektierte Familienoberhaupt. Als solches muss er darauf achten, dass die Frauen und Mädchen, die in seinem Hause leben, sich "würdig" benehmen – und dazu gehört in erster Linie, nichts ohne seine Erlaubnis zu tut.

Ist er konservativ – so wird er den Frauen verbieten, den Bereich der Familie zu verlassen. Dann kann es vorkommen, dass eine Frau ein Leben lang nicht aus dem Hause gehen darf – nicht, um einzukaufen, nicht, um einen Arzt aufzusuchen oder in der Schule zu lernen, nicht, um einen Beruf auszuüben – und schon gar nicht, um einfach einen Besuch abzustatten.

So kommt es, dass Frauen oft nicht wissen, was ihre Nachbarinnen ein paar Häuser weiter denken. Deswegen ist es von so zentraler Bedeutung, dass die Frauen ihre Häuser verlassen, Möglichkeiten haben, sich zu treffen, Erfahrungen und Gedanken austauschen, an Fortbildungskursen oder Berufsausbildungen teilnehmen können.

Hier setzt unser NAZO-Ausbildungszentrum an, das im März 2002 gegründet wurde und in diesem Jahr drei Standorte haben wird: In Kart-e-nau, einem Vorort von Kabul, werden zwei Berufsausbildungen angeboten: Schneiderei und Schmuckherstellung.

In Scheweki, einem Dorf an der Grenze zur Provinz Logar, gibt es eine Schneiderlehrwerkstatt, in anderen Dörfern werden Landfrauen in der Viehhaltung geschult. Sie lernen von einem Veterinär, wie sie Kühe und Hühner versorgen und aufziehen.

In Achmad Schah Baba – vor den Toren Kabuls - bauen wir gerade ein neues NAZO-Ausbildungszentrum, in dem drei Berufe zur Ausbildung angeboten werden: Schneiderei, Schmuckdesign und Lederverarbeitung.

Neben der eigentlichen handwerklichen Lehre werden Aufklärungskurse angeboten, wie z.B. über Frauen- und Menschenrechte, über Geburtenkontrolle und Familienplanung. Analphabetinnen können einen Alphabetisierungskurs besuchen.

Darüber hinaus werden die Frauen auch noch kaufmännisch geschult, damit sie später selbständig ein Geschäft oder eine Werkstatt leiten können.

Ein Geschäft zu eröffnen – das mag für Sie nichts Ungewöhnliches sein – aber für afghanische Frauen ist es eine besondere Leistung: Frauen sind in der afghanischen Öffentlichkeit nicht vorgesehen, nicht auf den Straßen, nicht in den vornehmen Restaurants oder einfachen Kebabstuben, nicht in den Behörden oder Geschäften - alles Öffentliche, Offene, Luftige ist männlich - lauter männliche Orte voller Turbulenz und Lebendigkeit.

Die Frauen müssen um jeden Schritt kämpfen. Für alles und jedes brauchen sie eine Erlaubnis, die ihnen vom Vater, Ehemann, Bruder, Sohn oder von einem nahen Verwandten erteilt wird - oder auch nicht.

Da ist es egal, ob eine Frau Direktorin eines Mädchengymnasiums ist, das 10.000 (!) Schülerinnen unterrichtet oder als Mutter acht und mehr Kinder groß zieht oder noch ein junges Mädchen ist - immer muss sie ihren Familienvorstand um Erlaubnis bitten. Selbst die Ministerinnen sind dieser Sitte unterworfen - auch ihre Auslandsreisen müssen sie sich vom Familienvorstand genehmigen lassen!

Marina, die Geschäftsführerin, die den Verkauf der NAZO-Produkte betreut, sagt dazu:

Wir sind in eine Raubtierherde geraten. Keiner nimmt auf uns Rücksicht, niemand gibt uns Ratschläge - hier kämpft jeder für sich.

Damit trifft sie den Nagel auf den Kopf: Die Frau als Handwerkerin oder Arbeiterin ist akzeptiert, solange sie ihr Können nicht als Beruf in der Öffentlichkeit ausgeübt.

Die Frau als Geschäftsfrau ist noch nicht etabliert – das braucht viel mehr Zeit.

Dazu kommen noch andere Schwierigkeiten: Die Männer arbeiten von früh bis spät in ihren Geschäften, oft schlafen sie sogar dort. Dieses ist für Frauen, die zu Hause noch die gesamte Hausarbeit, einschließlich der Versorgung der Kinder und Alten, zu erledigen haben, nicht möglich. Vor allem aber müssen sie auf das männliche Ehr-Verständnis Rücksicht nehmen.

Dazu nochmals ein Zitat von Momtaz, die im NAZO-Zentrum gelernt hat und nun außerhalb des Zentrums in der Maßschneiderei arbeitet:

Mein Mann erlaubt mir draußen zu arbeiten – aber er sagt, dass es doch zu weit gehe, wenn ich vor ihm das Haus verlasse und erst nach ihm wieder nach Hause komme.

Die Ausbildung zur Schneiderin ist jedermann verständlich – oft werde ich jedoch gefragt: Wieso bildet ihr Schmuckdesignerinnen aus? Das ist doch ein Luxusberuf!

Hierzu muss man wissen, dass Schmuck in Afghanistan eine ganz andere Bedeutung hat als bei uns. Der Besitz von Schmuck ist eben nicht nur Luxus, sondern kann mit dem Abschluss einer Lebensversicherung verglichen werden kann. Schmuck wird von Frauen nicht nur geliebt und geschätzt – er ist in Afghanistan auch heute noch der einzige Besitz, der den Frauen anstandslos zugestanden wird. Er fungiert sozusagen als Absicherung gegen die Unberechenbarkeit des Lebens, wie z.B. wirtschaftlicher Ruin, Scheidung, Krankheit usw. Mit der Hochzeit verlässt die Frau ihre Familie und wird Mitglied einer neuen Familie, der ihres Ehemannes. Ihre Ursprungsfamilie hat nun keinerlei Verpflichtung mehr ihr gegenüber, von ihr kann sie nichts mehr erwarten – keine Fürsorge, keine Unterstützung, keine Erbschaft. Damit sie nicht "unwürdig" ins Haus ihres Ehemannes übersiedelt, wird vor der Eheschließung über diese "Würde" verhandelt. Der zukünftige Ehemann muss nicht nur die Hochzeit bezahlen, sondern seiner Braut auch Geschenke machen – kostbare Geschenke, die vorher zwischen beiden Familien ausgehandelt werden. Ein Großteil dieser Brautgeschenke besteht aus Schmuck. Er ist ihr Besitz, über den sie allein verfügen kann. In Notzeiten hat er manch einer Familie das Überleben ermöglicht.

Seit dem Sturz der Taliban strömen Einflüsse aus aller Herren Länder in das mehr als 30 Jahre fast hermetisch abgeschlossene Afghanistan.

Mit der Öffnung des Landes haben Medien, allen voran das Fernsehen, Einzug gehalten. Auch wenn der sogenannte kleine Mann in seiner Wohnung (noch) keinen Fernsehapparat hat, so hat er doch die Möglichkeit, in einer Teestube gemeinsam mit anderen Besuchern die Filme – vor allem indische Schmachtfetzen und türkische Musikvideos, in denen von romantischer Liebe und gelebter Freiheit erzählt wird – zu sehen.

Da sein tägliches Leben nicht so ist, wie es im Fernsehen gezeigt wird, wächst die Frustration und oft auch die häusliche Gewalt, unter der dann die Frauen und Kinder besonders zu leiden haben.

Wollen Frauen die ihnen neu zugestandenen Rechte - z.B. auf Ausbildung - in Anspruch nehmen, kann es vorkommen, dass ihr Familienoberhaupt es ihnen verbietet. Beugen sie sich nicht diesem Verbot, können harte Auseinandersetzungen folgen, die nicht selten mit ihrem Tod enden – entweder weil die Frauen und Mädchen sich selbst umbringen (z.B. durch Selbstverbrennungen) oder weil sie „verunglücken“, das heißt von einem männlichen Familienmitglied getötet werden, um die „Familienehre“ wieder herzustellen.

Das Wiedererstarken der Fundamentalisten (Taliban, Mudjaheddin, AI Qaida) und die sich verschlechternde Sicherheitslage in Afghanistan wirken sich natürlich auch auf das Leben der Frauen aus. Schon im April 2006 baten uns die NAZO-Frauen, den Afghanistanteil unserer Webseite mit einem Passwort und Username zu versehen.

Oft werden die Rechte, die die neue afghanische Verfassung den Frauen zubilligt, mit Füßen getreten.

Nicht nur die Analphabetinnen, auch die gebildeten Frauen, die Lehrerinnen, die Ärztinnen, Rechtsanwältinnen etc. brauchen unseren Zuspruch und die Gewissheit, dass wir sie nicht im Stich lassen. Ein Volk besteht nicht nur aus „Frontfrauen", die Politikerinnen, Journalistinnen oder Pilotinnen werden. Die überwältigende Mehrheit muss in ihrem Umfeld die kleinen Schritte der Emanzipation durchsetzen, was sehr schwierig ist und oft zu großen Problemen führt, wie die vielen Selbstverbrennungen der Frauen zeigen.

Noch schützt die afghanische Regierung unter Hamid Karzai die Frauen - aber auch unter seinen Ministern gibt es einige, die die Wiedereinführung der Religionspolizei fordern, ja, sogar öffentlich über ein erneutes Bildungsverbot für Frauen und Mädchen nachdenken.

Diesmal scheint die Lage sich aber doch von den vorangegangenen Versuchen, das Land zu modernisieren, zu unterscheiden: Afghanistan hat sich der Welt gegenüber so weit geöffnet – mit Radio, Fernsehen, Internet und Handys – dass keine geschlossene Gesellschaft mehr aufrecht zu erhalten ist. Das verpflichtet sie, einige Dinge einzuhalten, die im Rest der Welt üblich sind, wie z.B. das Recht auf Bildung für die ganze Bevölkerung, für Männer und Frauen, für Mädchen und Jungen.

In unseren Medien wird oft nur die Gewalt der Männer thematisiert. Der Kampf der Frauen gegen die überkommenen patriarchalen Strukturen ihrer Gesellschaft wird - wieder einmal - als zweitrangig eingestuft, obwohl seit eh und je jede Reformbewegung in Afghanistan an der Frauenfrage scheiterte.

Nur wenn wir die Frauen stärken, wird sich in diesem Land eine friedliche Zivilgesellschaft bilden können.

Elke Jonigkeit-Kaminski

Im Anschluss an dieses Einführungsreferat wurde der neueste Dokumentarfilm von Elke Jonigkeit-Kaminski: „Überleben in Kabul – Eine Stadt und ihre Frauen“ gezeigt..

Im März 2011 erhielt NAZO Afghanistan (Afghan Luminous Sun – NAZO Professional Education Center ) Besuch von Vertreterinnen der afghanischen Ministerin für Frauenfragen. Sie kamen ins NAZO-Zentrum nach Kart-e-nau, inspizierten die Arbeit dort, befragten die Schülerinnen, führten Gespräche mit den Ausbilderinnen und überprüften die Geschäftsbücher der NAZO-Leitung.

Im April wurden dann Vertreterinnen von NAZO ins Frauenministerium eingeladen. In einer Feierstunde würdigte man die Arbeit der NAZO-Frauen: Afghan Luminous Sun – NAZO Professional Education Center wurde zum erfolgreichsten und besten Projekt für Frauen und Mädchen in ganz Afghanistan ernannt. Marina, die Geschäftsführerin, hält die Urkunde stolz in ihren Händen.

Fotos hierzu unter:
http://www.nazo-support.org/nazo-berichte/Berichte-2011/Auszeichnung.html

 

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