Inhalt Rechts

Rechte optische Spalte

Inhalt Mitte

Hauptinhalt

.

Dokumentation: Symposium zur Kirchenpädagogik

16.-18. März 2001 in Rastede


Roland Degen (Dresden):

Raum geben - Kirchenräume erschließen


Aspekte und Intentionen

Vor etwa zwanzig Jahren begegnete ich im Tourismustrubel eines ostdeutschen Domplatzes einer mir bekannten Kirchenführerin, die - vom Ansturm des Tages sichtlich "geschafft" - mir berichtete, wie im zunehmenden Kirchen-Tourismus die Führungen immer gedrängter und gehetzter erfolgten und sich "mein Dom" dabei letztlich misshandelt vorkommen müsste. "Grenzt es nicht an Hurerei, was wir betreiben? Wir missbrauchen den Raum ständig und vergehen uns an ihm. Wir nutzen ihn gegen seinen Bausinn, füttern die Menschen mit für sie meist toten Zahlen, Namen und Begriffen, wo doch der Kirchenraum anders gemeint ist. Wie kommen wir aus diesem den Raum beschädigenden Voyeurismus heraus?" - Auf Grund solcher und ähnlicher Anstöße lud ich drei Jahre später nach Meißen zu einer Werkstatt-Woche ein, wo wir uns im mittelalterlichen Raum tastend diesem Problem zu stellen versuchten, Alternativen entwarfen und vorrangig mit Kindern erprobten. Als sich Jahre später in der deutschen Vereinigung zeigte, dass nach der rigiden Ausgrenzung religiöser Bildung in der DDR-Pädagogik der Kirchenbau auch ein öffentliches Bildungsthema in "Neufünfland" werden könnte, dafür jedoch kaum Voraussetzungen existierten, das Thema zudem in den katechetischen Traditionen Ostdeutschlands wie der westdeutschen Religionspädagogik kaum Bedeutung besaß, wurde die Thematik für Kirche, Schule und öffentliche Kultur in besonderer Weise dringlich. Bei der Entwicklung eines entsprechenden Projekts im Comenius-Institut stießen wir um 1993 auf eine sich zusammenschließende Gruppe von Kirchenpädagoginnen - eine Begegnung, die Folgen hatte.

1. Wer gibt wem Raum?

Wenn wir Jahre danach die bisherigen Ansätze und Entwürfe zur Pädagogik des Kirchenraums mit der Überschrift des Symposiums in Rastede 2001 "Der Religion Raum geben" vergleichen, zeigt sich, dass diese Aufforderungs-Formel doppelsinnig auszulegen ist:

1. Der Kirchenraum empfängt uns und gibt dem Raum, was mit uns in ihn einwandert, wenn wir ihn betreten. Er nimmt mit uns unsere Gegenwart, unsere Erfahrungen, unsere Fragen und Antworten auf - gleichgültig, ob wir diese als religiös definieren - und bietet sich ihnen als Chance an. Wir kommen mit dem, was mit uns kommt, zu Besinnung, zu Wort, zu Ton, zu Bewegung, zu Expression, indem wir "zu Raum" kommen.

2. Der Raum ist jedoch nicht nur für uns bereit und Platzgeber für unsere Erfahrungen und Emotionen, sondern er ist seinerseits aktiv, kommt über uns, umfängt uns, dringt in uns vor mit dem, was sich in ihm ausgeformt hat - möglicherweise über Jahrhunderte hinweg. Er ist gleichsam werktätig, negiert und kontrastiert das uns täglich umgebende Banale, schafft Transzendenz und ermöglicht Religion - sofern wir ihn gewähren lassen.

In beiden Fällen liegt das Fruchtbare in der Irritation, die sich ergibt, wenn unsere Gegenwart mit Form gewordener Vergangenheit und ihren Sinn-Inhalten zusammen stößt. Ohne Stöße keine Anstöße! In weitgehend nachchristlicher Umwelt, in der alte Kirchen oft wie Dinosaurier fremder Zeiten in den modernen Stadtlandschaften stehen, ist davon auszugehen, dass die Begegnung unserer Lebenswelten mit jenen andersartigen Erfahrungen, die sich 1220, 1720 oder 1920 im Kirchenbau verdichteten, keine Harmonien ergeben, sondern sich zueinander kontrastreich verhalten und deshalb wechselseitig herausfordern. Sperriges bewusst zu machen, es in der Begegnung durch Verlangsamung aufeinander zu beziehen und dabei Erkundungsmöglichkeiten und Verfahren anzubieten, ist die hierbei dringliche pädagogische Aufgabe. Die Begegnung von heutigen Lebenssituationen und Form- (und Glaubens-) Traditionen wären vorrangig als Befremdung, Pro-Vokation und Unterbrechung des "Normalen" zu fassen. "Unterbrechung" ist jedoch - nach Johann Baptist Metz - "die kürzeste Formel für Religion". Wird diese sperrige Erfahrungsdifferenz, die uns Heutigen beim Eintreten in den überkommenen Kirchenraum begegnet, nicht beachtet oder (unbewusst?) zu einem vorlaufenden Einverständnis uminterpretiert, ist zu befürchten, dass "Der Religion Raum geben" möglicherweise zur Formel einer gegenwartsflüchtigen Kern- und Sonderwelt-Gemeinde missrät. Wir stünden in der Gefahr, gleichsam bei geschlossenen Türen archaische und kaum vermittelbare Traditionen zu pflegen und damit das Christliche zu entöffentlichen. Die christlichen Gemeinden würden dabei kaum einen Beitrag leisten, diese zur Fremdsprache gewordene Formensprache, die einst durch alltagskulturelle Nutzung verständlich war, subjekt- und gegenwartsnah auszulegen und in Erfahrung zu bringen.

Wer jedoch die Begriffe "Kirche(nbau)" und "Pädagogik" zusammenbringt und damit das Kirchenbau-Thema zum Bildungsthema macht, wird daran interessiert sein, diese Fremd-Begegnung als eine didaktische Aufgabe wechselseitiger Erschließung zu verstehen. "Bildung vollzieht sich im Durchgang durch das Fremde, in der Anerkennung anderer und in der produktiven Verarbeitung kultureller Differenz. Sie erfordert einen Dialog der Kulturen." Für unser Thema bedeutet das: Wir liefern uns dem Raum aus, er liefert sich uns aus. Dies produziert - pädagogisch fruchtbare - Spannungen, die auszuhalten sind und die Erkundung spannend machen. Hierbei kann es gelingen, dass wir zu uns kommen und der Raum zu seiner Wahrheit. Begegnung als durch Inszenierung gestützte wechselseitige Auslieferung - deren Folgen (Lernen) wir wollen sollten!

2. Raumerschließung als Erkundung und Begehung

Nicht nur schulbezogene Religionspädagogik, auch die Kirchen selbst haben die mit ihrer Geschichte verbundenen Ausdrucksformen als Erinnerungskultur und Kunst - und damit den Kirchenbau - weithin erst spät als Bildungsthema entdeckt. Die Wort-Gottes-Zentrierung etwa evangelischer Theologie und Kirche, ihr Verständnis der "Selbstmächtigkeit" des Gotteswortes u.a. führte vielfach dazu , dass christliche Verkündigung "ortlos über den realen Vollzügen schwebte". Der Raum wurde meist lediglich funktional verstanden und war deshalb weithin auch "kein prominentes Thema der Praktischen Theologie". Derart verbalistische Verengungen werden durch die Erkenntnis gesprengt, dass bei aller Problematik der Bilder in der Christentumsgeschichte letztere sich sehr viel eher als eine Wirkungsgeschichte der Lieder und Bilder, der Formen und Gestaltungen - etwa als Kirchenjahr - erweist denn als Geschichte bloßer wort- und buchbezogener Lehre.

Vermutlich sind die Phänomene christentumspezifischer Form und Gestaltung und der diese vereinigende Kirchenraum jeweils so lange nicht als zu reflektierendes Thema erkannt worden, wie sie als öffentliche Symbole und Orte von der Gesellschaft mehrheitlich gebraucht und in unmittelbaren Lebenszusammenhängen selbstverständlich waren und dabei verstanden wurden. Kirchen waren prägende Orte des Alltags, die immer auch zur Vorstrukturierung von Erfahrungen dienten. Insofern waren diese Bauten einst in ihren soziokulturellen Zusammenhängen etwas substantiell anderes, als sie es für unsere Zeit sind - selbst wenn sich ihr architektonischer Urzustand nicht verändert haben sollte (was freilich kaum je geschah).

Auch wenn Pädagogik des Kirchenraums hierbei nicht bedeuten kann, mit dem "fliegenden Teppich" des Märchens derartige Traditionsbrüche rasch zu überfliegen und den Versuch zu machen, den Menschen etwa des Mittelalters gleichzeitig zu werden, bieten doch geprägte Kirchenräume als "Kult-ur-Orte" (Margot Käßmann) aus sich heraus Kriterien für ihre Erschließung an. Wollen sie nicht lediglich erklärt, stilgeschichtlich-formal besprochen - und dabei meist zersprochen - werden, sondern sind sie in dem, was sie meinen, auf kritische Aneignung aus, bedürfen sie der Erkundung und Begehung , der eindringenden und nacherlebenden Auseinandersetzung mit ihrer Formensprache. Oft wollen derartige Räume umworben werden. Aus der Stille heraus reden sie laut. Mit der Raumerfahrung kann das Verstehen dessen wachsen, was in der Baugestalt zur Form geronnen ist. Dabei bleibt es nicht beim bloßen, flüchtigen Erlebnis. Aus dem Angreifen entsteht Begreifen. Aus dem Be-Greifen folgen auch hier die Be-Griffe. Leibhaftes, sinnliches Lernen vermag so Inhalte zu erschließen. Erkundung und Begehung können hierbei - anders als im Museum, wo Altäre u.a. zu Ausstellungsstücken verdinglicht und ihres Heimatortes beraubt sind - am auratischen und authentischen Ort christliche Religion neu in Gebrauch nehmen. Kirchenpädagogik lässt so lernen, was Kirche ist - freilich: Kirche und Christentum nicht abstrakt, sondern in ihren jeweiligen kulturellen und sozialen Kontexten, die nicht die unsrigen sind, und die bei der Erschließung des Kirchenbaus ständig für "Distanz und Nähe" sorgen.

Wieso ist dieses nicht lediglich als eine gemeinde- oder schulpädagogische, sondern als generelle Bildungsaufgabe zu beschreiben, die - bis hin zum Kulturtourismus - grundsätzliche Bedeutung besitzt? Angesichts zunehmender Mediatisierung des Alltags, der Surrogate, der meist optischen Reiz- und Informationsschwemme mit ihrer oft "normativen Schamlosigkeit", der rasch konsumierbaren und zu diesem Zweck zubereiteten Wort- und Bilderware, meint Kirchenraumpädagogik jene Form ästhetischer Bildung, die sich als Widerstand hierzu und als Lernen am Originären und Authentischen versteht. Hierbei geht es nicht um "Anbetung" alter oder neuer Kunst, sondern um jene Chancen sinnlicher Erkenntnis, die sich mit inhaltlichen Überlieferungen als Form, andersartigen Lebens- und Hoffnungsbildern - die meist quer zur "Diktatur des letzten Schreies" stehen - auseinander setzen und so neue Wirklichkeiten in lebensgeschichtlichen Zusammenhängen schaffen. Als öffentliche Kulturarbeit, für die der Unterrichtsbegriff unzureichend ist, hätte diese Intention freilich für Schule und Gemeinde spezifische Bedeutung:

Für Schule: In Erweiterung unterrichtlicher Strukturen und schulischer Verfächerung sind Schulreform-Ansätze weitgehend an außerschulischen Lernorten im Nahraum des Gemeinwesens interessiert, an "Praktischem Lernen" und Schulprojekten - keineswegs nur im Zusammenhang mit Religions- oder Heimatkundeunterricht.

Für christliche Gemeinde: Kirchen wären als sichtbares "Gedächtnis der Christenheit" , als aus Liturgie und Zeiterfahrung gewordene Deutung des Lebens unter Gott und als "Spielräume des Glaubens" aufzuschließen. So könnten jene Überlieferungen entdeckt werden, denen sich gegenwärtige Gemeinde verdankt und die sie fortzuführen hat. Weil diese pädagogische Aufgabe das der Kirche Eigentümliche thematisiert und erschließt, ist diese Intention für sie nicht anderswohin zu delegieren - so sehr Gemeinde gerade auch hier die Zusammenarbeit mit Schule, Museum, Touristik u.a. als gesellschaftsbezogene Dimension ihres Dienstes verstehen sollte.

3. Intentionen und Zugänge

Auch weil Kirchgemeinden mit der baulichen Erhaltung ihrer Gebäude oft überfordert sind und sie nach erweiterten Nutzungskonzepten fragen, wird u.a. deshalb auf den generellen Öffentlichkeitsaspekt der Kirchenbautradition verwiesen und das prinzipielle Öffnen der Kirchen empfohlen. Damit ist jedoch die Frage, was in generell geöffneten und aufgeschlossenen Kirchen etwa für Schüler- und Touristengruppen, die dem weitgehend fremd gegenüberstehen, was im Raum ansichtig wird, inhaltlich zu eröffnen und aufzuschließen wäre, noch nicht beantwortet, sondern letztlich erst gestellt. Welche Lösungs-Perspektiven legen sich hierbei nahe?

Kathedralen wie Chartres u.a. hatten einst etwa zwanzig unterschiedliche Zugänge, Haupt- und Nebenportale. Meist betrat man die Kirche von der Seite her. Im Sinne dieses Bildes wäre für die Kirchenerkundung unterschiedlicher Gruppen und Situationen heute keineswegs nur eine ausschließliche und normative Hauptportal-Situation zu schaffen, sondern "Seiteneinsteigern" unterschiedlicher Prägung ihnen Gemäßes zu ermöglichen. Man kann sich der Kirche - im buchstäblichen wie übertragenen Sinn - offenkundig auf verschiedenartige Weise nähern. Dabei dürfte jener häufige Erklärstil eher einem Schein-Portal gleichen, der den Bau lediglich als Ensemble unterschiedlicher Stilformen, Kunsteinflüsse und Einrichtungsgegenstände, als Addition von Jahreszahlen, Meterangaben, Fachbegriffen und Namen versteht. Diese museal-verdinglichende Vermittlung bloßer tot-richtiger Daten vermag kaum wesentliche Erfahrungen und Einsichten zu stiften, ist deshalb auch kaum bildend und wird zudem dem Kirchenraum als Ort von Gottesdienst und inszenierter Religion meist nicht gerecht. Wo und wie aber könnten wirkliche Aufschlüsse gelingen - ohne dass die verschiedenartigen Zugangs-Formen einen Absolutheitsanspruch erheben können?:

Mehr oder weniger deutlich zeigen sich gegen obigen Kirchenführungsstil und damit verbundene "Dehio-Gläubigkeit" in der Praxis und in veröffentlichten Beispielen Ansätze von unterschiedlichen Intentionen, die es weiterzuentwickeln gilt.

Diese verstehen den Kirchenbau vorrangig

1.

als Form gewordene Gottesdienstgeschichte. Der vielzitierte Satz von Cornelius Gurlitt: "Die Liturgie ist die Bauherrin der Kirche", besitzt in diesem Zusammenhang eine begrenzte Richtigkeit. Raumerkundung wird hierbei zur Spurensuche liturgischer Muster und gottesdienstlicher Nutzung. Die Ausstattungsstücke der Kirche werden in ihrer liturgischen Funktion verdeutlicht. Ansätze von Andacht und spirituellem Gebrauch des durch Gottesdienst unterschiedlicher Zeiten geprägten Raums werden - möglicherweise auch bei Touristenführungen - angeregt und angeboten. Meditative Elemente und eine dadurch nötige Konzentration auf wenige Bau- und Raumteile sind wichtiger als Schnelldurchgänge, die alles zu erfassen versuchen. Andere Aspekte und Dimensionen von Baugeschichte und Bildinterpretation können hierbei unentfaltet bleiben.

2.

als kulturgeschichtliche Heimatkunde. Sie ermöglicht Einblicke in Entstehungs- und Veränderungsprozesse des Ortes und regionaler Kultur. Die Ortskirche zeigt Lebensverhältnisse und -verständnisse "bevor wir waren" in Zusammenhängen christlichen Glaubens. "Grabe, wo du stehst, und du wirst viel entdecken!" Hierbei wird die Bedeutung des Christlichen in Lebenswelt und Alltagskultur aufgespürt und ein Verstehen des eigenen "Wurzelgrundes" ermöglicht - auch durch Geschichten, die sich in der Baugeschichte gleichsam verborgen halten. Siedlungsgeschichte, religiöses Brauchtum (Feste) u.a. werden hierbei mitthematisiert, wobei spezifische baukundliche, ikonographische, liturgische u.a. Aspekte und Zusammenhänge nicht vorrangig interessieren müssen.

3.

als Spiegelung sozialer Zustände. Der Kirchenraum regt an, sich mit in ihm erkennbaren gesellschaftlichen Normen, Machtstrukturen (z.B. in Form von Wappen und Patronatslogen) auseinander zu setzen. Er zeigt die Rolle von Kirche in jeweiliger Zeit, ihre Abhängigkeit und dennoch häufige kritische Funktion in öffentlichen Zusammenhängen. In dieser sozialgeschichtlichen Interpretation wird zugleich erkennbar, welchen Beitrag die Kirchen inhaltlich für das Gemeinwesen und die damals Lebenden zu wichtigen Existenzfragen wie Leben und Tod, Krieg und Frieden, Herrschaft und soziale Gerechtigkeit usw. leisteten und wo sie versagten.

4.

als Aufgaben- und Funktionskatalog christlicher Gemeinde. In unterschiedlichen historischen und modernen Kirchentypen - oft mit dazugehörigen Kapellen oder Nebengebäuden - zeigen sich verschiedenartige Ausprägungen, Aufgaben- und Handlungsfelder der Gemeinden: Kirchen sind öffentliches Forum (etwa Marktkirchen) oder einsame Orte für Meditation und Gebet, Raum für liturgischen Ritus oder Saal für wortzentrierte Verkündigung, Orte als Zeichen für Herrschaft, Askese oder Dienst, multifunktionale Aula, Bildungs-, Schutz-, Diakonie- und Asylort im Gemeinwesen u.a. Diese funktionsorientierte Kirchenraum-Erschließung ("durch Begehung lernen, wozu Kirche da ist"), die z.B. durch den Vergleich unterschiedlicher Kirchenbauten in diesem Sinne ihr Profil zeigt, lässt kunstgeschichtliche und bildinhaltliche Aspekte zugunsten einer kritischen Auseinandersetzung mit wahrzunehmenden (und versäumten) Aufgaben der Gemeinden zurücktreten.

5.

als Erschließung gebauter Theologie. Besonders die Großkirchen (nicht nur) des Mittelalters verstehen sich als komplexes Zeichensystem und Angebot für zu entdeckende religiöse Sinnzusammenhänge und Glaubensgeschichten, auf welche die Formen, Farben und Raumverhältnisse verweisen, die jedoch der genauen Betrachtung und Entschlüsselung ("Architekturexegese") bedürfen. Die Formen sind Träger von Bedeutungen, die zumeist vom Sinnlich-Wahrnehmbaren zum "Übersinnlichen" führen wollen (anagogische Funktion) und dabei Bezüge zu kontrastierenden heutigen Sinnmustern und Formensprachen ermöglichen. Die gotische Kathedrale z.B. ist die bauliche Inszenierung eines umfassenden Weltverständnisses, welche den göttlichen Kosmos transparent zu machen versucht. Aber auch einfache Kirchen anderer Zeiten u.a. in Dörfern bringen etwa durch die wechselseitige Zuordnung der Ausstattungsstücke (Altar, Kanzel, Taufe, Orgel usw.) im Raum und ihre Formensprache Deutungen und erschließenswerte theologische Bedeutungen zum Ausdruck.

6.

als Symbol von Kontinuität in ständiger Veränderung und Neugestaltung. Besonders die ständige Umbau- und Erneuerungsgeschichte der Kirchenbauten vermögen zu zeigen, dass die christliche Kirche ihre Identität je neu durch ständige Veränderungsbereitschaft erhält ("semper reformanda"). Neugestaltung im jeweiligen Zeitstil ist dabei immer auch indirekte Kritik an bisheriger Zeiterfahrung, Weltsicht, Gottesbild, Frömmigkeit und Gemeindeverständnis. Das Sein von Religion und Kirche besteht so immer im Vergehen und Werden - und bleibt sich darin dennoch treu und ständig erkennbar. Stilwandel und Epochenbruch häufig in einem Kirchenbau (Baunähte und Brüche aufsuchen!) zeigen, dass die Sache von Kirche ständige Aktualität beansprucht, fortgeschrieben sein will und keine Kanonisierung spezifischer (Stil-) Epochen verträgt - was freilich Kirche und Kirchenbau nicht immer gelang (19. Jahrhundert).

7.

als Präsenz heutiger Christentums-Auseinandersetzung und Äußerung gemeindlichen Lebens. Der Kirchenbau gibt auf spezifische Weise die Wirkungsgeschichte christlicher Überlieferung als Gestaltung bis in unsere Zeit u.a.durch Zeugnisse (vgl auch Kirchenarchiv) und Zeichen zu erkennen. Der Bau lässt entdecken, welche Zeit in ihm in besonderer Weise Rederecht besaß oder (aus welchen Gründen?) schwieg.Er verdeutlicht, dass es sich beim Kirchenraum nicht nur um historische, sondern gegenwärtig gelebte christliche Religion handelt. Der Bau zeigt, ob und wie heutige Generationen in der Lage sind bzw. die Freiheit erhalten, sich mit ihrer Formensprache in das gebaute "Langzeitgedächtnis der Christenheit" (zumindest auf Zeit) einzubringen - was die Erschließung historischer Zusammenhänge nachdrücklich auf Gegenwart hin focussiert.

8.

als "Spielfeld" von Gegenwart und Antizipation von Zukunft als Verheißung. Der Kirchenraum lädt hierbei nicht primär zur Auseinandersetzung mit baulich Überlieferten ein, sondern wird als Antizipation und motivierendes "Spielfeld" des Gegenwärtigen und uns von Gott her Verheißenen und Vorausliegenden verstanden. Der Zukunftscharakter der Vergangenheit interessiert. Anders droht die Gefahr, dass die "Vergangenheit vom Vergangenheitscharakter überschattet" wird. Deshalb ist sie "ins Innere einer umfassenden Dialektik zu verlegen, in welcher das Verhältnis zur Zukunft mehr gilt als das zur Vergangenheit" . Weil Kirchenräume der Vergangenheit als umfassende sozial-räumliche Ereignisse zu begreifen sind, dürften sie heutiger Formensprache in Bewegung, Tanz, Klang, Bild, Wort, Installation, Performance als "experimenteller Liturgie des Lebens" mit ihrem spezifischen "Kyrie eleison" und "Halleluja" kaum widersprechen. Kirchenräume lassen nicht alles zu, aber mehr, als in den häufigen "Vergemütlichungen" (Andreas Mertin) unserer kirchlichen Räume in der Regel zu erkennen ist. Kirchen halten provokatorisch nicht nur gegen auslöschendes Vergessen unser Herkommen wach, sondern in entschiedener Weise Visionen und Ausstehendes. Diese dürfen wir uns um der Welt und unser aller Zukunft willen weder stehlen, verundeutlichen oder vom Unterhaltungskonsum des Zeitgeistes verramschen lassen. Woher sollten sonst Hoffnung und Zukunft ihr Profil beziehen? Kirchen sind - so gesehen - befremdliche Merk- und Verheißungszeichen in karger Landschaft. Derartige Zeichen sollten in diesem Sinne lesbar und verstehbar gemacht werden, sofern sie für Menschen des neuen Jahrhunderts wesentliche Sinn-Inhalte im buchstäblichen Sinne sichtbar machen und aufbewahren.




.