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Dokumentation: Symposium zur Kirchenpädagogik

16.-18. März 2001 in Rastede


Christoph Bizer:

Der Kirchenraum als Ort der Erfahrung mit dem christlichen Glauben


Nachträglich redigierter Vortrag in Rastede am 16.03.2001 - Teil 2

2. Christliche Raumgestaltung: ein Psalmvers


Was machen denn die Christen so, wenn sie religiös sein wollen? Christen haben etwas mit der Bibel im Sinn. Ich gehe jetzt von dieser sowohl theologisch fundamentalen als auch volkstümlich anerkannten Bestimmung aus. Das "Christliche" kann noch viel mehr sein - aber daran ist es erkennbar und danach läßt es sich messen: an der Bibel!

Ich exemplifiziere an einem Psalmwort. Ich könnte es direkt in einer Ton - Runde näherhin erforschen:

Eile, Gott, mich zu erretten,
Herr, mir zu helfen
(Ps. 70, 2)

Der normale Zugang zu dem Vers läuft bei Klerikern und anderen Theologen über "Text", eine Ansammlung von gedruckten Buchstaben mit Zwischenräumen auf Papier. Für Profis ist die Bibel ein Buch zum stillen Lesen. Am besten orientiere ich mich zuerst an der Überschrift. Daran kann ich abschätzen, ob es für mich überhaupt lohnt weiterzulesen. Hier steht nun: "Von David, vorzusingen, zum Gedenkopfer". Unter evangelischen Theologen wird die Anweisung "vorzusingen" grundsätzlich mißachtet. Evangelische Theologen lesen und reden; singen können sie meist nur schlecht. So tun sie, als hätten sie diese Anweisung einfach nicht gehört. Die wahrgenommene Form: gedruckter Text präjudiziert das Verstehen.

Nun läuft in der Regel das Folgende ab: "David" - das muss man nicht ernst nehmen. Denn historisch-kritisch steht fest, dass biblische Texte von allen möglichen Verfassern stammen, nur nicht von denen, die in den Überschriften genannt sind. Ein Gedenkopfer? Gedenken - soll der angeredete Gott an den Psalmsprecher denken oder will der Psalmist durch seinen Psalm selber an Gott denken? Opfer? Jedenfalls so etwas, was im Tempel in Jerusalem stattfand. Wahrscheinlich verbrannte ein Priester ein geschlachtetes Tier auf einem Altar. Das war halt so - uns geht das nichts weiter an. Weil man den Verfasser nicht kennt, nennt man ihn den frommen Beter. Wer sich mit Psalmen befasst, ist ein Beter und Beter sind von berufswegen innig und fromm. Dieser fromme Beter hat seinem frommen Inneren sprachlichen Ausdruck, Form gegeben. Also stellen wir uns jetzt den frommen Beter vor und folgern, es habe einmal Menschen gegeben, die zu Gott gerufen haben und demnach ein festes Vertrauen hatten, Gott werde eilends herbeieilen, um ihnen in der Not zu helfen. Und nun kommt es nur noch darauf an, es ihm nachzumachen und fest zu glauben, dass Gott auch auf uns hören werde. Wir werden uns jetzt eifrig bemühen, uns und andere davon zu überzeugen, dass es einen Gott gebe, der dann kommt, wenn man nach ihm ruft.

Sie kennen die Schwäche dieses Denkansatzes. Es funktioniert einfach nicht. Die Überzeugung ist nicht zu erschwingen, dass es einen Gott wirklich gebe. Als Zeitgenossen der Moderne leben wir praktisch ohne Gott. Wir können uns aus diesem praktischen Atheismus nicht herausziehen. Wie schwierig es ist, ein Überzeugtsein von Gottes Existenz aufrecht zu halten, ist schon an unseren Umschreibungen ersichtlich. Das Reden von Gott wird immer abstrakter. Wir sagen nicht "Gott", sondern da sei eine "Macht", die letztlich alles zusammenhalte. Da sei ein "letzter Sinn" anzunehmen, der das Leben erhalte. Wir hantieren mit blutleeren Größen. Und halten uns dann ersatzweise menschliche Vorbilder, fromme Beter, an denen wir wenigstens staunen können, wie fromm ein Mensch wirklich sein könnte. Wir erschwingen das nicht, aus dem Herzen zu sprechen: Eile, Gott, mich zu erretten.

Unter der Kategorie des Raumes sieht die Sache ganz anders aus. Es geht nicht um Aussagen, die man glauben muss. Die Regel heißt: "Lieber Mensch, hör´ dir doch einfach zu, wenn Du diesen Satz sprichst. Es ist nicht dein Satz; er darf so fremd sein wie er will. Aber du kannst ihn in den Mund nehmen und dir zuhören. Was geht davon aus, wenn du sprichst: Eile Gott mich zu erretten?" Ich mache mir den Satz nicht zu eigen, aber ich gebe ihm als einer Form meine Stimme. Der Satz führt unter dem Sprechen Bilder herauf, setzt Energien frei. "Eile Gott" - von einem imaginären Ort, am Scheitel des Weltgebäudes, macht sich eine Größe, Gott genannt, auf und kommt auf mich zu. "Eile": sie eilt. Haben Sie schon einmal einen Menschen eilen sehen? Sie können die Beine kaum erkennen, weil die Füße schnell einer vor den andern gesetzt werden. Aber die Gestalt rennt nicht; sie behält aufrechte Würde. Und jetzt eilt diese Gestalt auf mich zu, wenn ich auf mein Sprechen höre, und sieht bereits den Schlamassel, in dem ich drinstecke: "Eile, Gott, mich zu erretten". Lassen Sie sich nur nicht durch irgendwelche Verbote hindern, genau hinzusehen, wie der Gott für sie aussieht, der so eilt. Es gehört zum System, dass Sie seine Gesichtszüge gar nicht sehen können. Was sich nicht zeigen will, lassen Sie im Verborgenen. Der, der da eilt, bleibt zugleich in Distanz und Verhüllung.

Die Fortsetzung heißt: "Herr, mir zu helfen". Sie kennen und teilen vielleicht die Freude der Philologen am Parallelismus membrorum: zwei einander entsprechende Satzteile. Vom Raum her gesehen ist das Entscheidende die darin angelegte Bewegung. Erst der Blick auf den herbeieilenden Gott. Dann der Perspektivwechsel: "Herr, mir zu helfen". Sie sehen, wenn Sie ein bißchen Geduld mit sich haben, das Ich, das die Hilfe braucht. Keine Bange, das sind nicht Sie, dieses Ich steht in einem merkwürdigen Spannungsverhältnis zu Ihnen. Sie sprechen ja! Er spricht in Ihrem Tonfall und es ist doch nicht Ihre Person. Aber vielleicht doch: plötzlich können die beiden Ichs für einen kurzen oder längeren Augenblick zur Deckung kommen - um dann wieder auseinander zu treten.

Das Entscheidende ist die Bewegung, und mit ihr der Raum, den diese Bewegung durchmisst. Der rezitierte Zweizeiler bildet Raum. Indem ich spreche, befinde ich mich in einem Raum, in dem der gerufene Gott von weither auf mich zukommt und damit Himmel, Erde und meine Welt zusammenbindet und ich befinde mich in meiner Hilflosigkeit als Zielpunkt der Bewegung Gottes. Während ich den Psalmvers sprechend gestalte, bin ich in der Religion drin.

Der christlichen Kirche hat der Parallelismus membrorum - wie schon dem alten Israel - sehr eingeleuchtet. Bei ihrem Psalmsingen haben sich die Sänger in zwei Reihen gegenüber gestellt. Die eine Seite singt: "Eile, Gott, mich zu erretten" - Pause - Die andere Seite antwortet: "Herr, mir zu helfen" und sofort schließt sich der nächste Vers an ... Der Wechselgesang, hin und her, überwölbt die beiden Reihen der Sänger. Wir haben damit das Grundelement eines Kirchenraumes, sagen wir das Gewölbe eines Chorraums. In der Apsis fällt Licht aus den zentralen Fenstern im Osten. Der Herr eilt herbei und kommt wie die aufgehende Sonne. Er bleibt in der Kirche immer im Kommen.- und ist auf diese Weise gegenwärtig, helfend.

Es gibt keinen einzigen Satz in der Lutherbibel, der nicht raumstiftend wäre. Deshalb brauchen wir für unser Christentum die Bibel: um die christliche Religion bei Bedarf räumlich zu machen, es um uns herum aufzubauen und um auf diese Weise drin zu sein. So einfach ist das Christsein konstruiert. Wer sich auf diese Voraussetzung einläßt und sein Christentum auf diese Weise ab und zu übt, der wird über kurz oder lang in der Wahrnehmung so geschult werden, dass er mit allen Sinnen immer genauer wahrnimmt, was ihn da umgibt: nicht um davon "überzeugt" zu werden, sondern um sich darüber zu wundern und sich daran zu freuen, was alles beim Sprechen passieren kann...

Jetzt endlich sind wir bei der Pädagogik des Kirchenbaus explizit angekommen. Denn der Kirchenbau ist in seinem Kern nichts anderes als das architektonische Gehäuse für das Lautwerden biblischer Wortlaute. Über Jahrtausende hinweg ist die Form des Kirchengebäudes immer wieder aufgenommen, modifiziert und neu entworfen worden. Die Grunderfahrung ist immer dieselbe: Wo Gottes Wort hallt, tut sich in der Alltagswelt, aber scharf von ihr geschieden, eine besondere Welt auf, in der aus dem Universum der allumfassende, allmächtige Gott eilt, mir zu helfen. Es macht Sinn, dem Hallen-Lassen von Gottes Wort Räume eigener Art zu bauen, die das Sprechen und Singen beieinander halten, bei ihrer Sache halten. Der Raum, selber Form, gibt Formen vor, in denen das Umgehen mit den biblischen Sätzen Formen gewinnt. Wer Religion heute in ihren Formen unterrichten will, kommt nicht umhin, mit den Lernenden in Kirchen zu gehen.

3. Erfahrungen mit ausgewählten Kirchengebäuden.

3.1 Die Marienkiche in Göttingen


Die Kirche, in der ich am meisten vom Kirchengebäude und vom Kirchenraum gelernt habe, ist die Marienkirche in Göttingen. Ich habe schon öfter davon geredet. Sich auf eine Kirche einlassen, braucht Geduld und Lust an Wahrnehmungen. Jede Kirche ist ein Individuum mit eigener Aura. Jede Kirche will auch ihre eigene Pflege. Es ist ein Unding, dass unsere Landeskirche Einheitsliturgien durchgehend für alle Kirchen verordnet hat. Eine Kirche will gelockt und umworben sein. Und sie wehrt ab, warnt vor sich, verhält sich spröde. Die Kirche hat kein Interesse, ihre Fremdheit aufzulösen.

Die Mariekirche ist eine bescheidene gotische Stadtkirche. Sie gehörte ursprünglich zur Kommende des Deutschritterordens. Sie ist nicht für viele Leute gebaut worden, das gibt ihr bis heute eine besondere Note. Vor kurzem ist sie im Innern renoviert worden. Mir hat sie verrußt besser gefallen. Die Marienkirche hat es noch nie nötig gehabt, dass sie herausgeputzt wird. Die Marienkirche war jahrelang meine geistliche Heimat. Ich habe in ihr viel mit Studierenden gearbeitet. Ich mag diese Kirche. Hoffentlich kann ich Ihnen das vermitteln. Ich habe eine Kirche erst dann richtig wahrgenommen, in ihrer Eigenheit verstanden, wenn ich sie mit Worten schildern kann, behaupte ich.

Kommen Sie bitte mit. Man trampelt in eine Kirche nicht einfach hinein wie in ein Warenhaus. Die Außenhaut der Kirche, da wo das Leben der Stadt draußen und die geistlichen Handlungen drinnen aneinanderstoßen, sind eine sensible Zone. Große Kirchen in der Toskana z.B. sind vor der Fassade zum öffentlichen Stadtleben hin und im Innern jeweils ganz andere Gebäude. In der Marienkirche führen die Mauern außen auch ein eigenes Leben. Auf der einen Seite der Kirche sind große Bruchsteine, natürlich verfugt, kunstvoll übereinander geschichtet. Sie kommen um die Ecke, da sind es kleine Steine, die roh aufeinander und ineinandergetürmt sind. Kein Verputz. Man sieht: hier war mal ein Durchgang, dort ein Fenster. Das Mauerwerk des Chores sieht wieder ganz anders aus. Peinlich rechtwinklige Quader, wie an preußischen Bahnhöfe des 19. Jahrhunderts. Tatsächlich ist der Chor im 19.Jakrhundert eingestürzt und mußte von Grund auf neu hochgezogen werden. Es tut einer Kirche nicht gut, wenn sie zu viele rechte Winkel hat. Die Kirche hat Glasfenster. Von außen wirken sie stumpf; was drinnen leuchtet, ist draußen nicht zu erkennen.

Wir suchen nach dem Eingang. Den Weltkindern wird es schwer gemacht den "Einstieg in die Kirche zu finden. An der Westseite, wo ein Portal erwartet werden könnte, ist nichts als Mauer. Man betritt die Kirche von der Seite. Das hat Absicht und Verstand. Das Portal ist so gestaltet, dass es die Eintretenden klein und eng macht. Von außen nach innen, bis zur Tür, werden die steinernen Bogen immer enger geführt. Wenn Sie mit geschlossenen Augen ganz langsam hindurchgehen, können Sie spüren, wie es um das Herz enger wird. Die Kirche will vom Eintretenden Beklommenheit. Ich bin versucht, diese Wahrnehmung zu verallgemeinern: Die Schwelle am Eingang ist für die Kirche ein hochwichtiges Bauelement.

Ich möchte unsern Gang unterbrechen und einen kleinen E x k u r s einschalten: Ein Freund von mir gibt in einer Berufsschule Religionsunterricht. Mit seinem BVJ vereinbart er, in der nächsten Woche die evangelische Kirche des Ortes zu besuchen. Er fragt die beiden Muslime: "Kommt ihr mit?" - "Ja, wir kommen mit!" Als sich die Gruppe dann am Eingang sammelt, merkt der Lehrer, dass etwas nicht stimmt. Die Muslime stehen so verlegen vor dem Kirchenportal. Jetzt sagt der eine: "Ich geh´ nach Hause". Sein Freund sagt: "Ich auch!" Der Lehrer: "Na, dann beim nächsten Mal wieder!"

Was war geschehen? Die Muslime hatten auf einmal gespürt, dass der heilige christliche Raum sich mit ihrer eigenen Religion nicht verträgt. Sie waren kurz davor, ihre eigene Religion einer fremden Macht auszusetzen. Das Betreten dieser Kirche würde sie von ihrer Religion sozusagen abtrünnig machen. Es wäre ein Einlassen auf die Religion, die in der Kirche lebt. Der Lehrer hat das irgendwie gemerkt und die Schüler - glücklicherweise - ziehen lassen. Die Christenkinder - sie wissen kaum, dass sie überhaupt solche sind - gingen dann schlurfend und mit der Coladose in der Hand quatschend durch die Kirche wie durch eine Markthalle. Ende des Exkurses.

Inzwischen haben wir das Portal durchschritten. Wir kommen aus dem hellen Nachmittag. In der Kirche ist es dämmerig, fast dunkel. Die Kirche wandelt das Helle ins Dämmerige um. Das Auge muss sich erst an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Geradewegs wie wir hereingekommen sind, gehen wir weiter, unter einer Empore, hinter Bankreihen. Plötzlich tut sich ein Mittelgang auf. Die Mittelachse der Kirche läuft weit vorne auf den Hochaltar zu. Durch diesen Mittelgang werden Sie unwillkürlich, körperlich um 90° gedreht. Die Kirche bestimmt, wie wir uns bewegen. Natürlich könnten Sie ausbrechen und über die Bänke steigen oder erst auf die Empore gehen. Aber dann würden Sie dem Richtungssinn der Kirche zuwider handeln. Sie würden die Kirche in ihrem eigenen Wollen nicht mehr mitkriegen; Sie hätten sich die Kirche - in der Kirche - sozusagen vom Halse geschafft.

Diese merkwürdige Wendung um 90°.In den alten Kathedralen geht nur an Ostern, allenfalls noch am ersten Christtag, und dann auch nur der Bischof mit seinem Gefolge, direkt auf der Mittelachse in die Kirche hinein. Das Kirchenvolk hingegen steigt immer von der Seite in die Kirche ein. Wenn wir Pädagogen das begriffen hätten, würden wir ganz anders mit der christlichen Religion umgehen. Religion lernt man nicht über Curricula, sondern man kommt von der Seite rein, und erst einmal ist es duster, und dann wird man umgedreht, und wenn man an dieser einen Stelle umgedreht ist, dann wird es überhaupt erst ungemütlich.

Ganz weit hinten, am Ende der Mittelachse, und das ganze Kirchenschiff beherrschend sehen wir auf ein Kreuz aus Holz, eingezwängt in zwei Reihen vergoldeter Heiliger. Am Kreuz hängt einer, eine übel zugerichtete Leiche. Kein schöner Anblick! Im Gegenteil, gräßlich, erschreckend. Wenn wir jetzt weitergehen, kommen wir also, flankiert von Säulen rechts und links - immer näher an diese Gestalt heran. Wie gehen langsam nach vorne. Fehlen die Säulen rechts und links, geht der Raum in die Breite - dann verengt er sich wieder. Die Säulen bilden ein System von Schwellen. Könnten wir uns noch in eine Erstbegegnung hineinversetzen, möglicherweise kämen wir einem Schock nahe. Wir gehen einem toten Menschen, gerade gestorben, fast nackt an einem Kreuz, entgegen.

Da stirbt uns einer was vor! Eine entsetzliche Geschichte. Kurz bevor wir an den Chorraum kommen, hört die Flankierung durch die Säulen auf, die uns in der Bahn gehalten haben. Ein freier Raum, dann zwei Stufen den Chorraum hinauf. Wenn wir noch Menschen wären, die sich der Bewegung der Kirche "einfach" überlassen könnten, fielen wir an diesen Stufen in die Kniee. Diese Stufe ist wieder einer der entscheidenden Punkte, wieder eine Schwelle. Die Kirche läßt sich als eine fortgesetzte Abfolge von Schwellen wahrnehmen, die immer wieder aufhalten, dem Gekreuzigten direkt entgegen zu gehen. Es ist hart, sich dem Gekreuzigten zu stellen.

Da wir in unserer Kirche zwischen Klerikern und vernünftigen Leuten keinen grundsätzlichen Unterschied machen, können wir über diese Stufen in den Chorraum gehen. Im Scheitelpunkt der Apsis, am Hochalter dann, kommt es wieder zu einer Drehung, jetzt zurück, der Gemeinde entgegen. Auf dem Altar liegt eine aufgeschlagene alte Bibel. Die Bibel fordert uns auf, das schwere Buch in die Hand zu nehmen, sich zur (jetzt abwesenden) Gemeinde hin zu drehen und die biblische Geschichte des letzten Sonntags laut vorzulesen. Folgen wir dieser Aufforderung! Die Bänke und die Wände der Kirche hören dabei konzentriert zu; sie freuen sich darüber und werden auf ihre Weise das wieder und wieder Vernommene den Besuchern der Kirche weitergeben.

Es ist uns mit der Kirche gegangen wie vorhin mit dem Psalm. Diese Kirche ist nicht unsere Form. Wir haben sie nicht entwickelt, sondern geerbt. Die Kirche hat sich viele Renovierungen - Weiterentwicklung - gefallen lassen. Sie ist dadurch im Lebensstrom geblieben. Ich nehme sie so wie sie jetzt ist und folge ihrem Richtungssinn. Ich werde von ihr in eine Form gebracht, die mir Schmerzen machen kann. Ich werde dem Tod konfrontiert, auch dem eigenen. Indem sich dies alles vollzieht, kriege ich nach und nach eine Ahnung von dem Christentum, das von dieser Kirche umbaut ist. Ich lerne Christentum von innen, indem ich "einfach" drin bin, wahrnehme und die Kirche machen lasse. Mit viel religionswissenschaftlichem Abstand zur gelebten Religion, auf den meine Zunft so stolz ist, könnte ich das Kirchengebäude als eine Maschine zur Herstellung von Christentum bezeichnen.

3.2 Der Walfisch auf der EXPO 2000


"Maschine zur Herstellung von Christentum" - ich habe im vergangenen Jahr eine Kirche gesehen, die ganz bewußt unter diesem Programm entworfen worden ist. Der CVJM hat zur EXPO den Walfisch beigesteuert. Ich versuche, mich bei dieser Schilderung kurz zu fassen.

Sie kommen über einen großen Platz. Eine Jugendgruppe führt auf einer Bühne ganz hübsche Sketche auf. Die Bühne ist wie im römischen Amphitheater über Sitzstufen hinab zu erreichen. Die Schauspieler spielen von unten nach oben. Hinter der Bühne liegt das Gebäude tatsächlich wie ein Walfisch da, die Bühne vor dem geschlossenen Maul. Immer mehr Publikum wird angelockt, die Stufen sind fast schon voll besetzt. Manche Gäste hören zu; andere sind einfach froh, einen unterhaltsamen Platz zum Ausruhen gefunden zu haben. So nach einer Viertelstunde gibt die Ansagerin bekannt, dass der Kinoraum gerade frei geworden sei und auf uns warte. Dann macht der Walfisch das Maul auf, d..h. die Tore werden aufgemacht, und Krethi und Plethi strömen hinein. Gerade hat die Ansagerin noch gesagt, es sei genug Platz für alle, drängeln sei nicht nötig.

Inzwischen sitzen Sie in bequemen Fauteuils des Kinoraumes und stellen Ihren Ohrknopf auf die Sprache ein, in der sie dem Film lauschen wollen. Sie kriegen einen Film vom Verlorenen Sohn zu sehen, poppig gemacht. Sie vollziehen nach, wie das mit dem Sohn so zugeht: Flotte Biene hinten auf dem Motorrad, Schwimmen durchs Meer unter großen Gefahren. Am Schluss kommt ein geläuterter junger Mann zu seinem glücklichen Vater zurück und reitet von dort, nach einer Erholungspause, als Ritter ohne Furcht und Tadel in die Welt, um das Unrecht zu bekämpfen, wo es sich zeigt.

Indem Sie diesen Film ansehen, machen Sie eine Metamorphose durch und werden selbst geläutert. Kaum ist der Film zu Ende, werden Sie freundlich eingeladen, nun den Saal wieder zu verlasen und ein Stockwerk nach oben zu gehen. Sie schweben gleichsam hinauf und kaum sind Sie oben angekommen, treten junge CVJM - Leute auf Sie zu. Älteren Herren tut das besonders gut. Sie werden in Gespräche verwickelt, Sie werden gefragt, ob Sie (um die Läuterung zu festigen) Kontakte in Ihrer Wohngegend haben wollten, um sich bekehren zu lassen. Vielleicht brauchen Sie auch gleich einen Menschen, mit dem Sie beten könnten. Das alles auf lockere und natürliche Weise.

Langsam kommt die vorgesehene Zeit für die ersten Kontakte an ihr Ende. Sie werden langsam wieder auf eine Bahn nach unten geschoben. Dann geht es eine Treppe hinunter und Sie wissen nicht, wie Ihnen geschieht: Sie stehen in der Cafeteria, wo es die billigsten Spaghettis auf der ganzen EXPO gibt. Zum Architektur gewordenen Glaubensverständnis des CVJM gehört es, dass nach einer Läuterung durch Kunst, nach Kontaktaufnahme und Bekehrungsgespräch schließlich das Essen drankommt. Dann entläßt mich der Wal wieder ins Leben und scheidet mich durch eine hintere enge Öffnung wieder aus.

Die Kirche als eine Maschine zur Herstellung von Christentum. Jede Kirche hat ihre eigene Theologie und jede Kirche hat ihr eigenes Glaubensverständnis, ihren "Richtungssinn", wie ich vorhin sagte. Was erwartet diese oder jene Kirche von mir als Glauben? Als sich anvertrauendes Verhalten? Was kommt da als Christentum heraus?

Zum Vergleich noch einmal zurück zur Marienkirche. Der Gekreuzigte im Chorraum, eingezwängt in die Reihen der Heiligen, ist eine Umgestaltung der Aufklärung. Davor stand in der evangelischen Marienkirche eine Mutter Gottes im Strahlenglanz in der Mitte der Heiligen. Als Himmelskönigin schwebte sie auf schmaler Mondsichel über das Firmament.

Wenn Sie sich vorstellen, Sie gingen jetzt im Mittelschiff der Himmelskönigin entgegen, dann befinden Sie sich auf dem Prozessionsweg zum Altar bereits auf dem Weg in die Himmelssphären hinein. Indem Sie an den Altarschranken niederknieen, treten Sie in ein Verhältnis zur Königin des Himmels, die Sie in ihre Herrlichkeit aufnimmt und aufnehmen wird. Erst die protestantische Aufklärungstheologie hat diese symbolische Ordnung eliminiert. Die Restauratoren der 20ger oder 30ger Jahre des vorigen Jahrhunderts haben die Maria dann wieder in die Kirche zurückgeholt und ihr einen Platz an der Chorwand gegeben, so dass sie mit ihrem Sohn am Kreuz wenigstens kommunizieren kann. Die jüngste Renovierung hat die Maria in ein Seitenschiff verbannt.

3.3 Beim Heiligen Bernhard in Vezelay

Wenn Sie demnächst nach Südfrankreich fahren und im Herzen von Burgund nicht in Vezelay, mindestens für einen ganzen Tag, Station machen, dann soll Sie der Teufel holen. Zugegeben, von der Autobahn nach Süden liegt Vezelay etwas ab. Merkwort: Gute Kirchen brauchen lange Zugangswege. Der Weg zur Kirche ist das Entscheidende. Meine Großeltern haben das noch gewußt. Sie sind zu Fuß zur Kirche gegangen, mit dem Gesangbuch offen unter dem Arm. Wenn am Sonntag unter Glockengeläut aus allen Ecken des Dorfes Leute mit dem Gesangbuch zur Kirche gehen, dann legen Sie durch ihr Gehen ein Netz von Verbindungsfäden über ihr Dorf. Am Sonntagmorgen laufen von allen Häusern des Dorfes die Linien zur kleinen Kirche. Wie haben uns durch das Auto die Prozessionswege verderben lassen. Der verhältnismäßig lange Anmarschweg nach Vezelay soll eine Art Buße sein.

Die Kirche von Vezelay liegt hoch auf dem Berg, über dem kleinen Städtchen. Die Parkplätze liegen weit unten, noch vor der Stadt. Die Hauptstraße führt steil nach oben. Rechts und links alte, mittelalterliche Wohnhäuser. In einem davon ist übrigens Theodor Beza geboren, der Nachfolger Calvins in Genf. Es fällt ein bißchen schwer, zu Fuß durch den ganzen Ort steil hinaufzugehen. So soll es sein.

Oben auf dem Plateau die Kirche. Ich bin zu erschöpft, um jetzt gleich in die Kirche hinein zu gehen. Die Türme sehen mickerig aus. Sie wurden in der französischen Revolution abgetragen, um die Kirche zu erniedrigen. Hinter der Kirche tut sich ein parkähnlicher Platz mit unglaublich schöner, weiter Sicht über das burgundische Hügelland auf. Ich kann mir gut vorstellen, wie Druiden hier ihre Opfer dargebracht und damit das ganze Land gesegnet haben. Zurück zur Kirche empfängt mich ein hoher Vorraum, romanisch-frühgotisch, hoch, weit. Von dem Raum geht auch eine gewisse Düsternis aus. Ich bin unsicher; ich wei0 noch nicht, wie ich mich zu diesem Raum verhalten soll. Der ganze Raum ist nur dazu da, um mich vor ein Portal zu führen. Aber was für ein Portal!

Das erste, was ich sehe, ist über dem Eingang ins Innere der Kirche ein überdimensionierter Christus aus Stein, lässig auf einem Thronsesel sitzend und die Hände segnend ausgebreitet. Von den Händen gehen Ströme des lebendigen Wassers auf die zwölf Jünger über, die ihm zur Seite bewegt im Raume stehen oder sitzen. Indem ich das Bild lange und mit wachsender Begeisterung in mich aufnehme, ist es mir, als greife die Bewegung der Jünger auf mich über. Im Halbbogen um Christus tun sich Welt und Kosmos auf: Sternzeichen, Handwerkszeichen - also himmlische Kräfte und menschliche Kultur - eingespannt in ein Halbrund von weltumspannender Kraft. Davor ist es, dass Christus den Segen spendet. Unter der Grundlinie des Halbbogens ein Fries, auf dem alle Heiden herzueilen und potentiell an der Segnung teil haben.

Ich stehe also in der Vorhalle zur Kirche vor dem Portal in das Kirchenschiff. Die Türen sind offen. Ich ahne bereits von dem Innern der Kirche - bloß, ich habe noch nicht hineingeschaut. Prickelnde Erwartung belebt mich. Es gilt nur noch, das Portal zu durchschreiten. Nun erst sehe ich vom Tympanon hinunter zum Eingang: zwei Eingänge, ein Doppelbogen, durch den Trumeaupfeiler getrennt. An ihm steht fast lebensgroß Johannes der Täufer im härenen Gewand, vor sich eine Schale, in der das Christuslamm eingezeichnet ist. Diese Schale hält Johannes den Hereinkommenden entgegen. Johannes der Täufer und eine goldene Schale? Das ist die Schale, in der nach der Enthauptung sein Kopf der Salome als Lohn für ihren Tanz präsentiert wurde. Johannes der Täufer hat dafür, dass er mit Christus in Verbindung getreten war, den Kopf hergegeben. "Lieber Mensch", spricht dieser Eingang, "mach es dir ja nicht zu einfach, wenn du jetzt da hinein gehst. Das da drin hat etwas mit Tod zu tun. Nur durch Sterben kommst du zum Leben, christlich gesehen.

Jetzt trete ich ein. Ich bewege mich von Westen nach Osten; ich gehe in der Kirche dem Morgen entgegen. Über diese Schwelle, dicht am Täufer vorbei betrete ich die Kirche - und bin ein ganz anderer Mensch. Ich habe Ihnen vorher Höllenstrafen angedroht, wenn Sie nicht selber dorthin fahren. Meine Beschreibung kann das Fluidum dieser Kirche nicht vermitteln. Es trägt, es baut auf, es läßt schweben, einfach durch die Lichtverhältnisse und die Proportionen. Sie schreiten in einer ganz eigenartigen Leichtigkeit und Lebendigkeit in die Kirche hinein. So etwa passiert nicht oft im Leben.

Ich gehe in der Kirche fast wie im Traum nach vorne. Der Chor ist, nachdem er fertiggestellt war, noch einmal abgerissen und neu aufgebaut worden, weil da etwa noch nicht stimmte. Jetzt aber stimmt alles. Ich gehe einem dreistöckigen Chorraum entgegen. Dieser Chor hat auf seiner ersten Etage unten bereits langgestreckte gotische Bögen. Die zweite Etage säumen romanische. Hinter ihnen liegt eine Galerie, ohne eigenes Licht, das Triforium. Die Bogen heben sich über der Lichterfülle der gotischen Bögen unten schwarz und dunkel ab. Auf der dritten Etage wieder helle weiße Fensteröffnungen; das Licht des Himmels scheint auf mich herab. Ich gehe einer Mischung von mich empfangendem Licht und mich erwartender Schwärze entgegen. Licht und Dunkel stehen in einer ganz eigenartigen Spannung. Ich habe das Schwarze in mir - natürlich - und ich gehe dieser himmlischen Welt entgegen. Plötzlich durchzuckt es mich.

Der dunkle mittlere Umgang um den Chorraum. Genau in der Mittelachse ein romanischer Doppelbogen, umfangen wiederum durch einen großen romanischen Bogen. In der Mitte oben, im Feld zwischen den Doppelbogen, ist natürlicherweise ein Zwickel Wandfläche entstanden. In der Mittelachse, genau in der Mitte dieses Zwickels ist ein kleines Kleeblattkreuz eingelassen. Pures Schwarz kommt durch dieses Kreuz auf mich zu. Ich war schon so lange in dieser Kirche und hatte diesen zentralen Punkt noch gar nicht gesehen! Gerade schwebte ich noch im siebten Himmel. Jetzt ist die ganze Kirche und damit bin auch ich wieder geerdet. Ich stehe mit den Füßen wieder auf der Erde und schwebe trotzdem noch. Indem ich dem Himmel entgegen gehe, gehe ich dem Kreuz entgegen. Es gibt kein Vorbeikommen am Kreuz. Ich habe mich an diesem Tag noch drei Stunden in dieser Kirche aufgehalten, es ist mir nicht gelungen, eine Position zu finden, wo dieses Kreuz nicht meinen Blick auf es gezogen hätte. Von dieser zentralen Stelle geht ein Sog aus. Ich kann mich diesem Kreuz nicht entziehen, es sei denn, ich würde mich in die Krypta verkriechen.

Christus, der Weltenherrscher, der mich durchströmt mit Strömen des lebendigen Wassers.

Das streng genommen aus dem Kreuz heraus sprudelt. Das Kreuz, hier in dieser Kirche, ein dunkles Nichts. Nur eine Öffnung, aus der reine Schwärze kommt: der Segen!

 



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