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Dokumentation: Symposium zur Kirchenpädagogik

16.-18. März 2001 in Rastede


Christoph Bizer:

Der Kirchenraum als Ort der Erfahrung mit dem christlichen Glauben


Nachträglich redigierter Vortrag in Rastede am 16.03.2001 (Teil 1)

1. Formen

1.1 ... in Ton.


In einer Arbeitsgruppe vorher wurde Ton geknetet. Jeder, jede nimmt einen Tonklumpen in die Hand und läßt seine Finger machen. Erst tun sie sich schwer mit der kalten, steifen Materie. Je länger sie kneten, desto geschmeidiger wird der Ton. Die Temperatur der Hand geht ins Material ein und belebt es. Bald reagiert es auf jeden leisen Druck eines Fingers. Ich sehe uns dabei im Göttinger im Religionspädagogischen Seminar im Kreis auf dem Boden sitzen.

Strukturell ist es immer der gleiche Vorgang. Solange sich die Finger mit dem kalten steifen Ton abmühen, ist es noch laut in der Runde. Zurufe gehen hin und her, Gelächter hier und dort. Bald zeichnet sich eine neue Phase ab. Es wird immer stiller. Die Knetenden finden zu ihrem eigenen Rhythmus. Die Bewegung der Finger bringen sich mit dem Atem überein. Jeder und jede sind in ihrer Bewegung bald ganz bei sich und doch in den Sitzkreis locker integriert. Eine wunderbare Konzentration breitete sich aus.

Unter der Frage nach den Räumen hat dieses Geschehen eine komplexe Struktur. Viele sich jeweils dynamisch ganz verschieden aufbauende Räume verschränken sich zu einem Ganzen. Da ist zunächst die einzelne Person. Sie beugt sich auf dem Boden sitzend über die knetenden Hände und bildet mit dem Körper ihren eigenen, in sich relativ geschlossenen Handlungsraum. Wenn die Fingerspitzen gelegentlich in einem Gefäß mit Wasser benetzt werden oder zusätzlichen Ton aufnehmen, weitet sich dieser Raum für einen Moment aus, um sich dann schnell wieder auf sich zurückzunehmen. Auch die knetenden Hände mit dem Ton bilden einen dynamischen Raum, das Raumzentrum, auf das der oder die jeweilige Knetende ausgerichtet ist. Auch der warme, weiche Ton ist ein Raumgebilde für sich. Es lockt und lenkt in seiner anschmiegsamen Widerständigkeit die gestaltenden Finger, die wiederum das Tongebilde formen. Der Raum des geschmeidig nachgebenden Tons und der sich fließend verändernde Raum der gestaltenden Hände und der Raum der gebeugt dasitzenden atmenden Person in ihrer eigenen Bewegtheit durchdringen sich.

Nach vorhergehender Absprache wird während dieses Vorgangs von mir ein Psalmvers in die Runde hinein gesprochen - mehrmals, ruhig, ein und derselbe. Der ganze Kreis, die einzelnen Knetenden mit ihren Hand- und Tonräumen wurden jetzt vom Rezitierenden her von einer weiteren Raumstruktur durchzogen. Gesprochene Sprache mit ihrem Rhythmus, ihren Bildern und Sinneinheiten bringt sich ihrerseits in dynamischer Bewegtheit in das Gemenge der Räume ein und eröffnet in ihnen Optionen eines christlichen Sprachraums. Die knetend Gestaltenden werden mit "Heiliger Schrift" nicht als einem Gegenüber von feststehenden "Wahrheiten" oder "Bedeutungen" "konfrontiert", sondern sie ordnet sich als gesprochene Sprache in die vorgängig konstituierte Tätigkeitsstruktur ein: die Knetenden bleiben in elementarer Körperlichkeit bei sich selbst und lassen zu, ob und wie sich die Worte aus der Bibel in ihre individuellen Prozesse einbringen.

Das sich - lautend - Raum gebende Psalmwort berührt das gestaltende Kneten und geht in es ein. Für jeden der Beteiligten ist unversehens, zu seiner Zeit, im Vorgang des Knetens die "Form" da, die in dieser Konstellation für ihn die einzig mögliche ist. Beim einen der Knetenden ist es ein bestimmtes Wort aus dem Psalmvers, das im Ton Gestalt annimmt. Bei der anderen mag es eine Geste oder ein Klang gewesen sein, die die Tonfiguration mitbestimmt hat. Eine dritte ist so mit sich und dem Ton in ihrer Hand beschäftigt gewesen, dass die Rezitation des Psalmverses gleichsam spurlos an ihr vorbeirauschte.

Am beschriebenen setting möchte ich verdeutlichen, was es mit dem Begriff der "Form" auf sich hat. "Form" ist nicht ablösbar vom Prozess der "Formgebung". Eine Form ist eingebettet in den individuellen Strom des gelebten Lebens. Haben die Knetenden im konkreten Prozess unter den einmaligen Bedingungen ihres Gestaltens, in ihrem unwiederholbaren Jetzt, im Ton ihre "Form" "kommen" lassen, dann ist sie nicht mehr wegzukriegen. Mögen die Finger das eben geschaffene Gebilde wieder einkneten und noch einmal von vorne beginnen, es kommt doch wieder - vielleicht hier und da modifiziert, verfeinert - dasselbe heraus. Dieses jetzt durch mich geschaffene Gebilde ist unter den gegebenen Umständen und im gegenwärtigen Stadium meiner Entwicklung, das für mich Stimmige, in dem ich mich jetzt darstelle und das in gewisser Weise mich zur Gestalt bringt. Ich kann mich dazu verhalten: "ja, das ist meins!" oder " um Gottes willen, das ist ja alles schrecklich ungekonnt!" Sein eigenes Werk (und damit sich selbst)"ungekonnt" sein lassen können, das erst ist Könnerschaft. Was ich in dieser Art nach außen hin gestalte, als meinen Ausdruck, "spiegelt" sich im Gestaltungsprozess in meinem Inneren ab, ja, ich möchte sagen, baut spiegelnd mein Inneres, meine "Seele" überhaupt erst auf.

Und was geschieht mit der gestalteten Form? Form ist immer im Präsens, nie ohne den Gestaltungsprozess, hatte ich gesagt. Die geschaffene Figur ist zum Wegwerfen zu schade und anscheinend zum Aufbewahren nicht lohnend. Was ich einige Wochen später wieder in die Hand nehme, ist nicht mehr der Ausdruck meiner selbst, sondern eines früheren Ich, Museum, Archiv: "Damals habe ich also so etwas gemacht?" "Ist ja gar nicht so übel", "typisch ich!". Aber die lebendige Beziehung ist weg. Ich stehe inzwischen anderswo: "Mein Jabboks-Jakob würde heute anders aussehen!" Also hätte ich in Kontinuität und Diskontinuität zum ersten Exemplar einen neuen zu machen?

Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit. Ich sehe die frühere Gestalt nicht mit damaligen, sondern mit heutigen Augen. Ich rede mit ihr und lasse sie zu mir sprechen. Ich streiche mit dem Zeigefinger über die zerfurchte Stirn des Jakob. Ich schaffe sie im Wahrnehmen wieder neu und mache mich, inzwischen mit ganz anderen Sorgen und Problemen befasst, erneut mit ihr vertraut. Es ist äußerlich noch derselbe Jakob, aber er drückt in meiner jetzigen Wahrnehmung anderes aus. Ich muss ihn mir erst wieder vertraut machen. Die rezipierende Wahrnehmung ist wiederum eine schöpferisch gestaltete Form. Dafür braucht es für diesmal keinen Ton. Die Rezeption einer Form ist nicht auf die Wiederaufnahme ihrer Materialität angewiesen. Auch ein Dialog, beispielsweise, wäre rezipierende "Form". Bedingung allerdings ist: ich lasse mich auf die Figur - wieder ganz im Präsens - von neuem ein, ich nehme sie "ganzheitlich" wahr, was in diesem Zusammenhang besagt, dass ich nie vorab wissen kann, was sie mit mir anstellen wird - und ob sich überhaupt etwas anbahnt, zwischen ihr und mir...

1.2 ... und die Pädagogik dazu.

Es sei jetzt nur kurz angedeutet, dass "Form" hier als eine fundamentale pädagogische Kategorie verstanden sein will. Sie hat in der Pädagogik eine lange Tradition. Goethe steht dafür. Sein Gedicht "Urworte orphisch" ist sozusagen ein Urtext für diese Tradition

(Ich habe darüber in einem Sammelband zum Konfirmandenunterricht, der gerade im Erscheinen begriffen ist, referiert):

...

Bist alsobald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten

...

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

(z.B. in Johann Wolfgang Goethe, Gedichte, Reclam Univ.-Bibliothek 6782, S. 193)

Das Gedicht bezieht sich auf das Menschenleben, geprägte Form im Wandel. Leben vollzieht sich in Aufnahme, Gestaltung und Pflege von Form. Weil eine Form immer im Raum ist und Raum mit sich führt, kann man sagen, Leben gewinnt überhaupt erst durch Gestaltung von Formen Lebens - Raum. Was für die Formen der Lebensgestaltung gilt, gilt für die Welt im Ganzen. Sie ist uns als Form und als Formen vorgegeben und aufgegeben. Denken Sie an architektonische Wohnformen und an den Straßenverkehr, denken Sie an Telefon und Internet und die damit angebotenen Ausdrucksgestalten, an Arbeit, Schule, Geselligkeit. Überall wo uns Formen mit ihren Räumen entgegentreten, ist Pädagogik mit im Spiel. Formen lehren im Lebensstrom von sich aus und lehren nicht nur sich, sondern jeweils Leben. Unzerstörbar sind sie, solange sie im Lebensstrom wahrgenommen, aufgenommen und neu geschaffen werden. Verlieren sie den Wurzelboden des gelebten Lebens, zerfallen sie. Formen wollen erkannt, erschlossen und gepflegt werden. Lernen heißt Formen wahrnehmen und entwickeln, auch sich an den Formen wahrnehmen und bilden.

Ein Kind, ein Schüler wird nicht (schon gar nicht in der Schule) nach bestimmten Formprinzipien, die im Vorab festgelegt sind, "geformt", sondern es entwickelt sich als Form: aus dem, was in ihm ist und ihm entgegentritt. Der Lehrer, die Lehrerin lassen die Persönlichkeiten der Schüler wachsen und pflegen das Wachstum, auch indem sie ihnen Widerstände entgegensetzen, d.h. darauf abheben, dass die Formen, mit denen sie umgehen, sorgfältig wahrgenommen und nicht überspielt werden. Wenn der Unterricht eines Faches öde zu werden droht, müssen Pädagogen danach fragen, ob dieser Unterricht derart an Lebensformen arbeiten läßt, dass die Lernenden (eigenes oder fremdes) Leben daran wahrnehmen und selber Leben gestalten. Für den Religionsunterricht, sowohl in der Schule wie in der Kirche, besteht die Gefahr, dass er die expliziten Formen von Religion aus den Augen verliert und sich auf das Leben der Lernenden unmittelbar beziehen will. Dann würde ihm sein Gegenstand, die Religion und die Religionen, entgleiten. Die andere Gefahr liegt in der Verobjektivierung und Funktionalisierung von Religion. Ein Religionsunterricht der vorab feststehende "Überzeugungen" oder "Deutungsformulare" vermitteln wollte, hätte ebenfalls die freie Arbeit an den Formen überspielt.

Ich hoffe, dass Sie aus den wenigen Andeutungen erahnen, dass ich mich mit dem pädagogischen Begriff der "Form" gegen Schulideologien wende, die auf der einen Seite material die Vermittlung von Stoffen zum Programm machen und entsprechende Leistungskontrollen in den Mittelpunkt stellen, oder auf der anderen Seite Lernen formal als das bestimmen wollen, was Lernende angeblich von sich aus gerne tun. Letzteres führt in eine Pädagogik des Konsumierens, z.B. von Abenteuern und vorgestanzten "Erlebnissen". Weiterhin hoffe ich, dass Sie wenigstens ahnen, dass ich die Pädagogik des Kirchenraums nicht aus dem Auge verloren habe. Der Kirchenraum ist eine "Form", in der Religion präsentisch - räumlich wahrzunehmen ist. Doch lassen Sie uns im nächsten Abschnitten erst noch überlegen, was es mit der christlichen Religion auf sich hat.

 



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