Inhalt Rechts

Rechte optische Spalte

Inhalt Mitte

Hauptinhalt

.

Dokumentation: "Suchet der Stadt Bestes ..." (Jer. 29,7)

Kirchliche Gestaltungsaufgaben in der Stadt


Prof. Dr. Wolfgang Grünberg, Hamburg

Impulsreferat: Was ist der Stadt (Oldenburg) Bestes?
Aufgaben und Herausforderungen der Kirche(n)


Gliederung und Thesen zum Vortrag
"Suchet der Stadt Bestes ... (Jer. 29,7). Kirchliche Gestaltungsaufgaben in der Stadt"

Gliederung

I. Religion als "Heilsame Unterbrechung" - oder: Wie die im Weg stehende Immobilie namens Kirche zu einer Station am Weg werden kann.

II. Demokratische Stadtentwicklung als Einladung in einen offenen Beteiligungsprozess, oder: Wo und wie verortet sich die Kirche in der für eine Stadt typische Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit?

III. Der notwendige aber verheißungsvolle Weg, Dorfkirche und Stadtkirche zugleich zu sein.

(Der erste Teil ist der längste, der 2. Teil deutlich kürzer und der 3. der kürzeste)

Thesen zum Vortrag


Kirchen, insbesondere diejenigen in der Stadt, agieren in einem Bezugsrahmen zwischen urbanen und sog. dörflichen Lebensbedürfnissen, die beide gleichermaßen Bedeutung haben. Daraus ergeben sich vielfältige Möglichkeiten der Inszenierung kirchlichen Lebens von der Begleitung in den je persönlichen Lebenswelten bis hin zu Reaktionen auf öffentlich wichtige Fragen und Projekte auf Zeit.

Kirchengebäude, die der Mobilität im städtischen Alltag manchmal nur noch im Weg stehen, sind Erinnerungsorte - und können es durch gezielte Präsentation wieder werden - an denen der Geist der Bibel wie die Geschichte der Stadt verdichtet vorhanden sind.

Kirchengebäude sind zugleich Wegweiser für das menschliche Leben, indem sie sowohl dem ,Gottesdienst des Einzelnen' Raum geben (Geborgensein, Trost), als auch Geschichte(n)erzählen und nicht zuletzt Gemeinde bilden und versammeln.

Städtische Kirchengebäude sind öffentliche Räume, die kreative Kräfte aktivieren können, indem Sie den Blick der Betrachterinnen und Betrachter von der Vergangenheit (Kunst/Architektur)-Geschichte auf die Zukunft richten. Somit sind sie missionarische Orte, die das religiöse Bekenntnis (Taufe, Abendmahl) wachrufen und dem Bewusstsein für die Unverfügbarkeit des Lebens eine 'Eintrittsstelle' in die urbane Lebenswelt bahnen. Der umgekehrte Weg gilt gleichfalls: In den Stadtkirchen stellt sich die Stadt auch in ihrem Selbstverständnis dar. Stadtkirchen sind Festräume des Gemeinwesens und gehören nicht nur den "Eingeweihten". Da sie die Stadtidentität mit darstellen, ist auch die Stadt gefordert, den Erhalt dieser öffentlichen Räume zu fördern.

Gleichwohl gilt: Kirchen sind "gewidmete" (geweihte)Räume. Ziele und Grenzen ihrer Nutzungs-möglichkeiten sind prinzipiell so zu klären: "Hier gilt die Bergpredigt als Hausordnung".

Suchet der Stadt Bestes...(Jer. 29,7)

Kirchliche Gestaltungsaufgaben in der Stadt


Überarbeitung eines Referates am 5. 9. 2001 in der St. Lamberti Kirche Oldenburg

Was ist der Stadt Bestes? Aufgaben und Herausforderungen der Kirche, z.B. in Oldenburg

Lokaltermin Haderslev, dänische Kleinstadt oder Hadersleben, wie sie in ihrer preußischen Zeit zwischen 1866 und 1920 genannt wurde. Jedem Besucher wird sofort klar, wo die Mitte der Stadt liegt. Denn auf der Spitze des Hügels, auf dem die Stadt errichtet wurde, erhebt sich ein riesiger Dom, der die umgebenden Häuser mehrfach überragt.

Solche, in zentraler Stadtlage angelegten, Kirchen kann man ganz unterschiedlich wahrnehmen, z.B. zunächst unter dem Aspekt von Macht und Herrschaftsanspruch interpretieren: "Da sieht man bis heute kirchliche Machtentfaltung und Selbstdarstellung, erbaut durch von kleinen Leuten erpreßte Abgaben"! Das war eine übliche Argumentation kritischer Intellektueller, die eine Stadtkirche, zumal, wenn sie zur Stadtkrone gehörte, nur von außen wahrnahmen.

Man kann schon das Äußere einer Kirche völlig anders sehen und deuten, z.B. die Dachlandschaft mittelalterlicher Dome mit Schwippbögen und Dachreiter, mit weit ausladenden Dachflächen und einem hohen, geraden First. In Haderslev wirkt allein diese Dachlandschaft wie ein schützender Mantel über der Stadt. Die Kirche, anders wahrgenommen, wird nun - auch emotional - als gebaute Schutzmantelmadonna erfahren. Diese Assoziation stellt sich vielleicht auch deswegen ein, weil dieser Dom keinen alles beherrschenden Turm hat. Wichtiger ist die Einsicht, dass buchstäblich alle baulichen Kennzeichen, Fenster, Türen und Tore, Ostung, Säulen und Ornamente usw. als Symbolisierungen zu gelten haben, die zunächst sorgsam gelesen und verstanden werden wollen, bevor sie bewertet oder nur etikettiert werden. Die baulichen Kennzeichen sind als Symbolisierungen nämlich verschlüsselte Texte, Zitate, Verweise, usw. Das ABC dieses Lesens bezieht sich nicht primär auf kunsthistorische Detailkenntnisse, es bezieht sich auf symbolische Verweise und verlangt nach der Kunst, sie zu deuten. Auch eine Stadt in ihrer Struktur kann man lernen zu lesen.

Was für das Äußere des Domes gilt, wiederholt sich im Inneren. Helligkeit und Klarheit umfängt den Besucher, schon von der Farbgebung her. Hier waltet protestantischer Geist im mittelalterlichen Gewand: Transparenz als Weg zur Transzendenz.

Unwillkürlich bleibt der Besucher zuerst stehen und spürt die Weite und Höhe dieser gotischen Hallenkirche physisch und psychisch als Kontrast zu jeder Enge, als Signal, den Blick zu heben und gerade zu gehen, kurz als Überredung zum Aufrichten und zum Abschütteln der Brocken, die man mit sich herumschleppt. Die hohen schlanken hellen Fenster in Apsis und Kirchenschiff wirken wie eine Aufforderung, alles einmal in einem anderen Licht, das Eigene unter einer anderen, fremden Außenperspektive zu betrachten. Denn der Blick geht nicht auf die Straße, um dort das Leben zu betrachten, sondern das Licht kommt von außen und beleuchtet das Innere der Kirche und das Innere der Person. So wird die Staunen erregende Schönheit des Raums zur Ermutigung, Gefühle und Gedanken hervortreten und aufscheinen zu lassen, die normalerweise unter dem Handlungsdruck des Alltags verdrängt, wenn nicht begraben werden.

Im Innenraum der Kirchen sind mehrsprachig verfasste Karten ausgelegt. Darauf steht zu lesen:

"Gottes Frieden sei mit allen, die dieses Haus betreten!"

Die offene Kirchentür ist ein Angebot für geschäftige Menschen von der Straße, in eine ganz andere Umgebung zu kommen und für eine Weile Ruhe und Andacht zu finden.

Hier haben mehr als 700 Jahre hindurch Gottesdienste stattgefunden. Auch Ihr Besuch kann ein Gottesdienst werden..." Es folgen Hinweise auf die Ausstattung der Kirche und auf Veranstaltungen. Kursiv gedruckt heißt es am Schluss: "Kirchen sind geweihte Gebäude, und der Gemeinderat hat u.a. die Aufgabe, alles gebührend in Ordnung zu halten. Es wird erwartet, dass die Besucher dabei mitwirken, indem sie nicht rauchen, keine Erfrischungen zu sich nehmen und keine Hunde mit hinein nehmen."

Was bedeutet diese Kirche für die Stadt? Für die Touristen? Für die dänische Staatskirche, für die Ortsgemeinde? In dieser Kirche habe ich längere Zeit gesessen und wurde das Gefühl nicht los: Welch ein Schatzhaus! Sind hier nicht noch ganz andere Potentiale verborgen als die routinemäßig genutzten?

Diese Einstimmung gilt &endash; mutatis mutandis &endash; auch für St. Lamberti in Oldenburg mit seinem Kontrast des hellen Rund im Inneren und seiner trutzigen Turmlandschaft außen.

Auch in St. Lamberti wird seit über 700 Jahren Gottesdienst gefeiert.

Welche Möglichkeiten in diesem Schatzhaus schlummern müssen die Verantwortlichen entdecken. Besucher ahnen auch hier die geheimnisvolle, kreative Kraft dieses Raumes, dieser Kirche. Meine Aufgabe sehe ich darin, mit eher grundsätzlichen Gedanken auf eine neue Entdeckungsreise einzustimmen.

Ich gliedere meine Ausführungen wie folgt:


I. Religion als heilsame Unterbrechung &endash; oder: Wie die im Weg stehende Kirche zu einer Station am Weg werden kann.

II. Demokratische Stadtentwicklung als offener und öffentlicher Beteiligungsprozess, oder: Stadtöffentlichkeit und Kirche

III. Der notwendige und verheißungsvolle Weg , Dorfkirche und Stadtkirche zugleich zu werden.

I. Religion als heilsame Unterbrechung - oder: Wie die im Weg stehende Kirche zu einer Station am Wege werden kann.

Religion ist heilsame Unterbrechung. Diese Formel hat J. B. Metz in die Debatte eingeführt. Ihre Brisanz enthüllt sich, wenn ihre Implikationen vor Augen stehen, also mit reflektiert werden. Georg Simmel, einer der Väter der deutschen. Soziologie, hat schon 1906 ein typisch städtisches bzw. großstädtisches Phänomen, nämlich das schnellere Tempo gegenüber dem Leben auf dem Lande, untersucht und analysiert.

Der Rhythmus der dörflichen Welt ist bekanntlich abhängig vom Rhythmus der Jahreszeiten und den Bedürfnissen der Viehhaltung. Unsere Gottesdienstzeiten erinnern noch daran.

Der deutlich beschleunigte städtische Lebensrhythmus und ein ihm entsprechender Lebensstil sind, so Simmel, wesentlich geprägt von der Zirkulation des Geldumlaufes. Dies ist eine bis heute gültige, präzise Beschreibung! Simmel, der das Berlin um 1900 vor Augen hatte, macht bestimmte Merkmale des großstädtischen Charakters namhaft und beschreibt sie in seiner berühmt gewordenen Studie Die Großstädte und das Geistesleben so:

"Die Großstädte sind von jeher die Sitze der Geldwirtschaft gewesen ... Geldwirtschaft aber und Verstandesherrschaft stehen im tiefsten Zusammenhang. Ihnen ist die reine Sachlichkeit in der Behandlung von Menschen und Dingen gemeinsam, in der sich eine formale Gerechtigkeit oft mit rücksichtsloser Härte paart ... Gemütsbeziehungen zwischen Personen gründen sich auf deren Individualität, während die Verstandesmäßigen mit den Menschen wie mit Zahlen rechnen, wie mit an sich gleichgültigen Elementen, die nur nach ihrer objektiv abwägbaren Leistung ein Interesse haben ... Der moderne Geist ist mehr und mehr ein rechnender geworden.... Dieselben Faktoren, die so in der Exaktheit und minutenhaften Präzision der Lebensformen zu einem Gebilde von höchster Unpersönlichkeit zusammengeronnen sind, wirken andererseits auf ein Höchstpersönliches hin.

Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit, ... die Unfähigkeit, auf neue Reize mit der ihnen angemessenen Energie zu reagieren ... Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge ... Die geistige Haltung der Großstädter zueinander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen. Wenn bei der fortwährenden äußeren Berührung mit unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten, wie in der kleinen Stadt, in der man fast jeden Begegnenden kennt und zu jedem ein positives Verhältnis hat, so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbar seelische Verfassung geraten." ( aus: G. Simmel, Soziologische Ästhetik, hgg.v. K.A Lichtblau 1998, S. 121-125 passim)

Rationalität, Versachlichung der personalen Beziehungen, Abwertung von Gefühlstiefe und mobile und flexible Anpassungsbereitschaft, daraus erwachsene Arroganz gegenüber der Landbevölkerung. Das also ist der Stoff, aus dem der Städter sein urbanes Lebensgefühl speist. Zweckrationalität wird zum handlungsleitenden Prinzip des urbanen Lebensstils des Städters. Max Weber hat in der Dominanz der Zweckrationalität den Motor der Säkularisierung gesehen und daraus die abnehmende Kraft der Religion gefolgert. Hier ist Simmel analytisch m.E. noch interessanter. Denn für ihn führen urbane Hektik und die Fixierung auf das jeweils Neueste notwendigerweise zur Abwertung der Erinnerung. Damit aber wird eine wichtige Voraussetzung für kritischen Abstand entwertet, wenn nicht praktisch aufgegeben. Zweckrationales Handeln funktionalisiert alles. Ob Bildung, Gesundheit oder Frömmigkeit, alles wird zum Mittel, das fremden Zwecken unterstellt wird. Das entwertet die Eigenwertigkeit dieser Güter. Modische Fixierung auf das jeweils Neueste fördert den Konsumismus und dahinter stehende Interessen. Das ganze ist eine naive, alltäglich und praktisch gelebte Fortschrittsgläubigkeit, die als solche nicht hinterfragt wird.

Dabei stimmt: Wirtschaftliches Handeln verlangt, ja erzwingt nahezu eine zweckrational strukturierte Mentalität. Das beschleunigte Tempo gesellschaftlichen Wandels aber ist, so Simmel, bedingt durch das wachsende Tempo des Geldumlaufs. Banken und Börsen und die Entwicklung der Aktienkurse werden zu den eigentlichen Schulen der Nation. Auf der Fortführung dieser von Simmel entwickelten Linie liegt die zeitgenössische Analyse, die Richard Sennett in seiner vielbeachteten Studie: Der flexible Mensch jüngst vorgelegt hat. Sennett analysiert darin, wie die totale Flexibilität, z.B. in der häufigen Veränderung des Wohnortes als Folge von schnellem Wechsel der Arbeitsplätze, zum Abbau, wenn nicht Verlust stabiler sozialer Beziehungen führt und der Mensch so eines ihn haltenden Rahmens beraubt wird. Die neoliberalen Tendenzen des Kapitalismus sind eben nicht wertfrei, sondern erfordern einen hohen Preis.

Zurück zu Simmel. Dieser war, was häufig übersehen wird, ein Freund Martin Bubers und liebäugelte mit dem Gedankengut des religiösen Sozialismus. Buber wiederum hat als jüdischer Philosoph und Pädagoge immer wieder das jüdische Grundgebot: Zachor, Erinnere, eingeschärft. Ohne Erinnerung kein kritischer Abstand!

Bis heute gilt: Ein Volk ohne Erinnerung geht zu Grunde (D. Sölle). Es verliert damit nämlich auch den Humus zur Entwicklung seiner Visionen. In hektischer Betriebsamkeit wird Zukunftsbewälti-gung zum Abarbeiten hoch gerechneter Tendenzen. Angewandt auf den Einzelnen heißt dies: Ein Individuum ohne Erinnerung und ohne Vision wird heteronom, Rädchen im Getriebe, verfügbare Kraft im Interesse anderer.

Diese Implikationen muss man mit bedenken, wenn man die kritische und konstruktive Kraft der Formel, Religion ist heilsame Unterbrechung ermessen will. Denn sie ist Rückbesinnung im eigentlichen Wortsinn, Erinnerung an den Adel der Subjektivität, Rekurs auf die eigene Berufung, Ermutigung zum Wiederfinden von Zielen und Visionen. Christliche Religion ist Kritik und Zukunftsentwurf zugleich, Gesetz und Evangelium, Widerstandspotential gegenüber modischem Anpassungsdruck und Antizipation möglicher Zukunft.

Die zitierte Formel hat aber auch eine räumliche Bedeutung. Religion als Unterbrechung intendiert auch die Kritik an einer schleichenden, unkritischen Gewöhnung an äußere und innere Behausun-gen. Jede und jeder möge für sich selbst durchbuchstabieren, welche Bedeutung unsere Alltags-räume, vom Autogehäuse angefangen bis hin zum Fernsehzimmer oder den virtuellen Räumen der Medienwelten für uns bekommen haben.

Die christliche Religion bewahrt nämlich nicht nur Erinnerung an alte symbolische Welten auf, wie sie sich in ihren Kirchengebäuden niederschlagen, sondern sie weiß auch um die Erwartung, ja Antizipation zukünftiger Räume bis hin zum himmlischen Jerusalem als Inbegriff der Erlösung. Viele Kirchen dienten meist auch als Begräbnisstätten. Epitaphe erinnern bis heute Besucherinnen und Besucher einer Kirche an die eigene Endlichkeit und den Sarg als unentrinnbaren Zukunftsort jedes Menschen. Jede &endash; katholische - Kirche erkennt man sofort am ewigen Licht, das auf die Monstranz als den Ort verweist, der die Anwesenheit Jesu Christi in geweihten Hostien repräsentiert, also die physische Präsenz einer alternativen Energiequelle beherbergt, wenn man salopp formuliert. Evangelisch gilt das im Grunde auch: Die Kirche ist gebaute Predigt, Symbolisierung des Heilsweges und insofern gestalteter Gottesgeist. Die aufgeschlagene Bibel ist das evangelische Sakramentshaus. Jede Kirche zitiert Zukunft, das Eschaton, das Weltgericht und das himmlische Jerusalem.

Wir können diesen symbolischen Kosmos in der. Regel nur nicht mehr oder kaum lesen. Jede Kirche ist ein symbolischer Kosmos. Darum ist sie &endash; schon als Raumerlebnis auf Zeit &endash; ein kreativer Ort.

Diese Bemerkungen werden noch einmal unterstrichen, wenn man sich in die Eintragungs- oder Gästebücher vertieft, die, Gott sei Dank, in immer mehr Kirchen ausliegen. Diese Bücher sind ein doppelter Spiegel: Sie geben wieder, was Menschen bewegt, die in dieser Kirche waren und ihrem Erleben einen Ausdruck verschaffen wollen. Zum anderen sind diese Eintragungen oft Kommentierungen früherer Eintragungen. So gewinnt ein doppelter Dialog eine eindrückliche Gestalt, der Dialog der Einzelnen mit Gott und der Dialog zwischen Menschen, die aufeinander hören und antworten, obwohl sie sich gar nicht kennen.

Dazu eine schlichte Tatsache: Eine zentral gelegene und geöffnete Kirche zieht Besucherinnen und Besucher fast magisch an. Ich spreche nicht von typischen Touristenkirchen, wie der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin oder dem Kölner Dom. Tatsache ist, dass "normale", aber offene Stadtkirchen täglich, - erst Recht im Laufe der Woche von Montag bis Samstag - mehr Besucher haben als die gleiche Kirche am Sonntag zum Gemeindegottesdienst.

Es ist hier nicht möglich, diese Eintragungen aus Gäste- bzw. Gebetbüchern im einzelnen vorzustellen und zu interpretieren. Sie zeigen sehr deutlich, wie schwierig es ist, die private und die politische Welt, die immer wieder in Bitten und Dankesworten angesprochen werden, zusammenzuhalten. Die Spannung zwischen beiden führt zu großen Orientierungskrisen, und diese vor Gott auszusprechen und in ein Buch einzutragen, ist eine nicht zu unterschätzende Hilfestellung zur Selbstfindung und zur Orientierung. Das Raumerleben öffnet. Es ermutigt und öffnet ganz offensichtlich besonders Kinder und Jugendliche, was diese Eintragungen immer wieder belegen.

Diese prinzipiell an jedem größeren Ort überprüfbare Tatsache hat leider immer noch nicht zu den Einsichten geführt, die sich daraus ergeben. Es sind im wesentlichen zwei:

1) Es gibt den Gottesdienst des Einzelnen, den der Protestantismus erst zaghaft akzeptiert und ihm eine Form und eine Hilfe gibt. Das Ausruhen, die Sehnsucht nach Geborgenheit, das Sicherinnern, sei es an ein persönliches Datum, z.B. die eigene Hochzeit, die Erinnerung an das Weihnachten der Kindheit, das Verarbeiten einer schweren Nachricht usw., kurz: es gibt unendlich viele Anlässe für die Suche nach heilsamer Unterbrechung, nach Vergegenwärtigung des Heiligen, nach religiöser Orientierung.

Wo dieser Gottesdienst des Einzelnen durch ästhetische, didaktische und spirituelle Hilfen eine Strukturierungshilfe erfährt, wird er auch den protestantischen Kirchenraum immer mehr prägen und verändern. Ich plädiere sogar &endash; Vorsicht: konfessionelle Häresie - für eine behutsame protestantische Wiederentdeckung und zeit- und konfessionsgerechte Umformulierung ehemaliger Seitenaltäre! Diese waren in sich eine geniale Idee, um individuellen und gruppengemäßen religiösen Beheimatungswünschen in einer Stadtkirche eine Gestalt zu geben. Positiv gesprochen: Spezifische Gruppen, z.B. Gesellen, die ihre Meisterprüfungen bestanden haben, bekommen bis heute in einer ev. Hamburger Hauptkirche ihre Zertifikate, also ihre Meisterbriefe ausgehändigt. Am sog. Lukasaltar in der Hamburger Hauptkirche St. Jakobi werden die Meisterbriefe des Malerhandwerks überreicht, in der irrigen, aber niemanden irritierenden Meinung, dass der Lukasaltar, auf dem ein Maler mit einem Pinsel zu sehen ist, auf Lukas als Maler zu beziehen wäre. Im Sinne einer protestantischen Reformulierung der Grundintention von Seitenaltären könnte es z.B. sein, auch den Oldenburger Zedakim, den Gerechten also, die Juden oder andere Verfolgte versteckten, ein öffentliches Gedächtnis zu schaffen und zu bewahren. Denn wo wird, so möchte ich fragen, dieser oft wenig bekannten und geehrten Stadtheiligen, die das Gemeinwesen durch die braune Flut retteten, gedacht? Wo wird das Gedächtnis der Wunder bewahrt, zelebriert, gepflegt? Von einem Beispiel, wie das geschehen kann, will ich berichten.

In der Philipp Melanchton Kirche in Berlin &endash;Neukölln wird eines Mannes öffentlich durch eine Büste gedacht, der, zur Bekennenden Kirche gehörig, als Laienvorsitzender des Kirchenvorstandes von den Nazis liquidiert wurde, weil er sich für Verfolgte eingesetzt hatte. Er war von Beruf Schuster. Die Gemeinde hatte schon seit den zwanziger Jahren eine besondere politische Prägung durch religiös-sozialistisch orientierte Pfarrer erfahren, die übrigens bis in die Nachkriegszeit hinein anhielt. Nachdem der Kirchenvorstand sich entschieden hatte, diesem Mann ein Denkmal in der Kirche zu errichten, ergab es sich, dass für alternative, sog. antifaschistische Stadtteilrundgänge durch den Arbeiterbezirk Neukölln nun auch die Kirche als Gedächtnisort hinzukam. Aus der Kirche im Wege, der sperrig-störenden Immobilie im Fluss der Autoschneisen und des gesellschaftlichen Tempos, war ein Haltepunkt, eine Kirche am Wege geworden. Der Turm wies nun nicht beliebig in den Himmel, sondern verkündigte klar: Hier ist ein Ort, wo Menschenrechte zu Hause sind, wo ein Asylort ist und bleibt. Die Kirche wurde auch öffentlich lesbar.

Die Isolation der Kirche gegenüber den Schulen, den Bildungseinrichtungen und kulturell-sozialen Institutionen war an einer entscheidenden Stelle aufgehoben: Heilsame Unterbrechung einer sich in geschlossenen Zirkeln abspielenden Selbstreproduktionskultur, in der isolierte Milieus immer häufiger nur sich selbst bespiegeln und bestätigen.

Die Erfahrung lehrt: Wo Einzelne oder spezifische Gruppen dazu eingeladen werden, die Kirche als kreativen Ort wieder zu entdecken, da bekommt auch die Institution Kirche neue öffentliche Akzeptanz und ein zentrales Thema dieser Institution, die Finanzmisere, wird leichter lösbar. Öffentliche Akzeptanz kann leichter in klingende Münze überführt werden, ohne sich kommerziell verkaufen zu müssen..

2.) Die 2. Lektion, die immer noch nicht ins allgemeine kirchliche wie gesellschaftliche Bewusstsein eingedrungen ist, ist die Relativierung des Parochialprinzips als Basisstruktur der Kirche. Das Christentum ist im Kern sozial verfasst. Unus chritianus, nullus christianus ( Ein Christ &endash; heißt kein Christ) steht schon bei Tertullian. Dieser Aussage ist im Kern zuzustimmen. Aber dass der wesensnotwendige Sozialbezug christlicher Existenz unbedingt die räumliche Nachbarschaft eines umgrenzten Bezirks, also eine Parochie, sein muss, steht in keiner Bekenntnisschrift oder in keinem biblischem Buch.

Die Ortsgemeinde ist als spezifischer und nötiger Ort und Hort der privaten Lebenswelt entschieden und mit Leidenschaft zu verteidigen. Ortsgemeinden sind Dörfer in der Stadt. Kinder, Jugendliche und Ältere, deren normaler Lebenshorizont sich in einer größeren Schnittmenge mit dem Radius der Ortsgemeinde befindet, bleiben auf sie bezogen. Man will schließlich mit dem Kinderwagen zu Fuß in die Kindertagesstätte kommen können.

Aber eine Ortsgemeinde muss auch ihre strukturelle Begrenzung akzeptieren, und diese ist nicht nur räumlicher Art. Die kirchenamtlich gepflegte These lautet: Die (Orts-)-Gemeinden sind die eigentlichen Träger und Zentren kirchlicher Arbeit. Die funktionalen Dienste und Werke sind ihre Zuarbeiter. Diese These ist weder theologisch noch sozialwissenschaftlich korrekt. Theologisch ist der Gottesdienst die Mitte kirchlicher Arbeit. Soziologisch gesehen schreiben Ortsgemeinden eine Struktur fort, die an dörflichen, nicht aber an städtischen Verhältnissen orientiert ist. Theologisch und soziologisch wird so genau ein zentrales Kennzeichen, ja Kriterium von Urbanität nicht erfasst, nämlich die Dualität bzw. Polarität von öffentlicher und privater Sphäre eines städtischen Gemeinwesens.

Zentrale Stadtkirchen, wie z.B. die St. Lamberti Kirche in Oldenburg, sind als City- Kirchen heute neu ins Bewusstsein getreten. Binnenkirchlich gesprochen: Es ist aller Aufmerksamkeit und aller Anstrengung wert, nicht mehr vom sakrosankten Strukturmonopol der Ortsgemeinde auszugehen. Von diesem morphologischen Fundamentalismus (Houkendijk) ist Abschied zu nehmen und ein Loblied auf pluriforme Profile kirchlicher Einrichtungen einzuüben. Auch Ortsgemeinden sind, wenn man genauer hinschaut, schon in sich selbst ökumenische Gebilde und das ist ihr Reichtum. Gleichwohl muss es eine inhaltliche Mitte der Arbeit geben, um nicht bei angebotsorientierter Beliebigkeit anzukommen. Diese Mitte kann bis heute durch das älteste und kürzeste Glaubensbekenntnis der Christen angegeben werden, die Paulus in Röm. 10,9 zitiert: kyrios Iesus, Herr ist (hier) Jesus.

Ich fasse diesen Punkt abschließend zusammen: Religion als heilsame Unterbrechung, ist selbst eine ekklesiologische Kurzformel. Sodann ist sie eine Beschreibung dessen, was Religion und Kirche für das Gemeinwesen leistet bzw. leisten kann. Eine Kommune überlebt nicht als Dienstleistungs AG, die sich, zweckrational optimal organisiert, beliebigen Interessen anbietet. Auch ein Gemeinwesen braucht eine eigene, unverwechselbare Identität. Stadtidentität erwächst aus kollektiver Erinnerung und aus gemeinsamen Visionen. Zur Bildung solcher Identität braucht ein Gemeinwesen Gesprächsebenen jenseits kommerzieller Interessen. Sie braucht das kreative Potential anderer, kultureller und religiöser Perspektiven. Wo aber ist eine andere Perspektive im Prinzip stärker ausgebildet als im Kultus, im Gottesdienst? Hier geht es, formal gesprochen, um die Einübung eines Differenzbewusstseins, das Gott und Welt heilsam unterscheidet. Hier wird die entlastende Lektion bedacht und gefeiert, dass Menschen aufhören dürfen und sollen, für sich selbst oder für andere Gott zu spielen. Der Gotteswahn &endash; oder dessen Kehrseite, der Ohnmachtswahn -, sind zerstörerisch. Humanität nach menschlichem Maß bedarf des Mutes zum Gestalten des Vorläufigen, die Aussöhnung mit dem Fragmentarischen, Überholbaren, Verbesserlichen. Indem eine Kirche von allen Fundamentalismen Abschied nimmt und diese Humanitas in der persönlichen wie in der öffentlichen Sphäre lehrt und lebt, leistet sie einen unschätzbaren Dienst für das öffentliche Gemeinwesen, weil sie dem Stadtfrieden dient.

II. Demokratische Stadtentwicklung als offener und öffentlicher Beteiligungsprozess, oder: Stadtöffentlichkeit und Kirche


Im Grunde habe ich wesentliche Aspekte dieses Themenfeldes mit den letzten Beispielen angedeutet. Nur auf einen Punkt möchte ich noch exemplarisch eingehen, nämlich auf die Polarisierung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit als Kennzeichen einer Stadt.

Der Altmeister der Stadtsoziologie Hans Paul Bahrdt hat schon Anfang der 60iger Jahre Öffentlichkeit und Privatheit als Grundformen städtischer Vergesellschaftung herausgestellt und analysiert.(H.P.Bahrdt, Die moderne Großstadt, Reinbek 1961).

Oldenburg ist mit seinen derzeit gut 160.000 Einwohnern, rechtlich gesehen, längst eine Großstadt. Wie aber sieht es mit der inneren Urbanisierung aus? Werden die Dimensionen von Privatheit und Öffentlichkeit jeweils unterschiedlich wahrgenommen und auch entwickelt? Wo kristallisiert sich in Oldenburg eine kritische, bürgerliche Öffentlichkeit?

Oldenburg ist, so die Informationen in einer halbamtlichen Selbstdarstellung, "der wirtschaftliche, administrative und kulturelle Mittelpunkt des Regierungsbezirks Weser-Ems, in dem rund 2,2 Millionen Menschen leben." (Oldenburg &endash; gestern und heute, o. J. S. 1) Ich erfuhr vieles über die politische und ökonomische Entwicklung, freilich kaum etwas über das Oldenburg der Nazizeit. Im Blick darauf, dass z.B. kein Wort über die jüdischen Mitbewohner und deren Ermordung gesagt wurde, muss es schon überraschen, mit welcher Detailfreude über den Nachkriegsfußball und die Rolle des VFB Oldenburg informiert wird (z. B. über den Außenstürmer Fiffi Gerritzen, den der VFB Oldenburg in einer Nacht- und Nebelaktion 1951 an Preußen Münster verliert) Auch über den Kaufmann Herbert Freese und sein Autohaus und fast jede neue Ladeneröffnung wird man hinreichend informiert.

Über die Universitätsgründung 1970 informieren zwei Zeilen, über die Kirchen und die religiöse Vielfalt in der Gegenwart erfährt man gar nichts. Es mag sein dass diese Informationen nicht typisch sind. Symptomatisch sind sie allemal.

Mir geht es auch gar nicht darum, diejenigen, die solche Informationen zusammengestellt haben, zu kritisieren. Mir geht es eher darum, das Nichterwähnen von Religionsvielfalt, Kirchen und Universität diesen Institutionen als Anfragen vorzulegen.

Richtet sich hier jede gesellschaftlich relevante Institution in ihrer eigenen Nische ein, um ja nicht gestört zu werden? Wie ist eine solche Kultur des Nebeneinanders zu erklären und zu beurteilen? In Oldenburg geht es, so scheint mir, wohl tolerant, aber auch sehr privat zu.

Im Blick auf die Kirchen habe ich oben die These aufgestellt, dass die Ortsgemeinden Dörfer in der Stadt sind, oft genug Milieudörfer. Wenn man akzeptiert, dass Ortsnähe und private Lebenswelten spezifische Kennzeichen der Ortsgemeinden sind, dann ist diese Kennzeichnung auch nicht diskriminierend, sondern analytisch korrekt.

Aber was bedeutet dies für die Bildung von Stadtöffentlichkeit, z. B. in Oldenburg? Öffentlichkeit meint weder bei H.P. Bahrdt und erst recht nicht im theologischen Nachdenken etwas rein Quantitatives, wie z.B. die massenhafte Verbreitung von Werbebroschüren als PR-Arbeit. Öffentlichkeit meint etwas Qualitatives. Um es deutlich zu formulieren: Religion ist zwar im Blick auf die Subjektivität des Einzelnen eine personale Angelegenheit. Insofern ist Religion Privatsache und die Trennung von Staat und Kirche ein Fortschritt gegenüber wechselseitiger politischer Funktionalisierung und Machtausübung. Befreit von dieser zweifelhaften Zwangsehe von Thron und Altar gilt gleichwohl im Blick auf das Selbstverständnis der christlichen Religion:

Das Evangelium ist etwas Öffentliches, politisch und kulturell Relevantes. Man denke nur an die Bergpredigt, mit der man, um einen früheren Bundeskanzler zu zitieren, nicht die Welt regieren kann. Das mag auf den ersten Blick stimmen. Aber es verdeutlicht auf den zweiten Blick: Das Evangelium ist &endash; nicht nur in der Bergpredigt - Kritik und Vision, die über die individuellen, personalen Horizonte weit hinausreicht.

Ich fragte vorhin nach den Gerechten Oldenburgs, die die Identität der Stadt und der Kirche durch die braune Flut retteten. Die fröhliche Akzeptanz einer Nischenexistenz im privaten Horizont produziert gerade die drohende Bedeutungslosigkeit der Kirche. Sie muss sich vielmehr dem öffentlichen Markt stellen und sich auf ihm bewähren.

Theologisch gesehen bedeutet Öffentlichkeit zunächst das Stehen vor Gott, die Situation coram Deo. Eben diese Situation ist Kritik und Verheißung in eins, radikale Kritik und radikale Solidarisierung Gottes mit seiner Schöpfung in der Selbsthingabe Jesu Christi.

  • Etwas öffentlich machen bedeutet theologisch, zunächst aus der Perspektive des Leidens eines Menschen, für Christen des Menschen schlechthin, die Welt zu betrachten. Es bedeutet zugleich, in Gottes Solidarität mit diesem Gefolterten und Hingerichteten einen kritischen Maßstab zur Beurteilung dieser Welt zu finden. Es bedeutet schließlich, im Geschick dieser göttlichen Solidarisierung eine Kraft zu ahnen und zu glauben, die schöpferisch ist und die Macht der Negation, die Macht des Todes überwinden kann.

 

  • Seit alters her wird dies, in der Sprache der Bibel, als das Wunder der Auferstehung ausgedrückt. Aber es geht nicht um das Geschick dieses Einen allein, weil dieser in einer tiefen Solidarität mit Gott und den Leidenden und Ausgestoßenen seiner Zeit lebte. Darum ist in seinem Geschick eine neue Logik der Hoffnung angelegt, dass sich in der Solidarität mit Leidenden kein unsinniges, sentimentales oder masochistisches Mitleid äußert, sondern compassion. In der Solidarität mit den Leidenden, im Festhalten der Hoffnung auch für die Erniedrigten entdeckt der christliche Glauben vielmehr eine tiefe, lebendige, ja lebensschaffende Wahrheit, die tiefer reicht und weiter trägt als die Plausibilität eines resignativen oder fatalistischen sich Abfindens oder eines agnostischen Achselzuckens.

 

  • Denn dieser Glaube hat Folgen. Der solidarischen Liebe Gottes in Christus entspricht eine Solidarität mit allen Leidenden und aus der Hoffnung auf Christi Auferstehung entspringt eine Haltung, die skeptisch reagiert auf die Anmaßungen sich absolut setzender politischer, ökonomischer oder sonstiger Machtansprüche. Die Liebe ist stark wie der Tod heißt es im Hohen Lied (Kap. 8,6.) schon im Blick auf die menschliche Liebe. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod, bekennt der Glaube, wie Paulus es im Hymnus Röm.8,31-39 in unvergleichlichen Worten ausführt.

 

  • In diesem Sinne ist zu fragen: Leisten die Kirchen ihren Beitrag dazu, eine qualitative Öffentlichkeit in der Stadt weiter zu entwickeln? Kirchen sind, schon als Gebäude, nicht nur gebaute Erinnerungen sondern gebaute Hoffnungen. Um wie viel mehr ist die Kirche als Versammlung der Christen dazu aufgerufen, Erinnerungen wach zu halten, an einem öffentlichen Gewissen des Gemeinwesens mitzuarbeiten und ihre Visionen nicht zu verstecken oder zu verraten. Dabei geht es nicht um abstrakte Worte, sondern um das Mitspielen im demokratischen Verständigungsprozess, wenn es um prinzipielle Fragen geht, z.B. um Rassismus oder Rechtsradikalismus, um aktive Sterbehilfe oder um das Schicksal des Asylrechts usw.


Ich habe weder ein Mandat noch genügend Detailkenntnisse, um hier konkreter werden zu können. Die Bildung eines neuen Kirchenkreises Oldenburg-Stadt möchte ich aber als Richtungsentscheidung werten, sich öffentlicher einzumischen als bisher. In Hamburg war der Zusammenschluss der städtischen Kirchenkreise zu einem Kirchenkreisverband die Voraussetzung dafür, dass eine spezielle Aidsseelsorge in Hamburg St. Georg errichtet werden konnte, die jetzt auch hohe öffentliche Anerkennung findet. In Oldenburg sind die Herausforderungen vermutlich anderer Art. Aber es darf bei der Etablierung neuer Strukturen nicht nur um die Erzielung von Spareffekten gehen, sondern primär um die Gewinnung deutlicherer christlicher Profile!

Wer der Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit im Einzelnen nachgeht, kann viel entdecken, z.B. das, was ich gern institutionelle Nachbarschaftskultur nenne. Einst waren Schule, Krankenhaus und Kirche wechselseitig gesuchte und bewährte Nachbarn. Bilden - Heilen - Glauben, das gehörte und passte zusammen. Auf diesem Dreiklang war diese Nachbarschaftskultur gestimmt. Die mit der Urbanisierung gegebene Ausdifferenzierung der Gesellschaft und ihrer Institutionen macht die Sache komplizierter, aber nicht weniger dringlich. Eins dürfte unbestritten sein: Eine sich selbst nur noch in eigenen Strukturen reproduzierende Kirche ist weder gegenwarts- noch zukunftsfähig. Die Kirchen überleben nur als ökumenisch offene, plural ausdifferenzierte, aber gleichwohl erkennbar profilierte und kooperationsfähige Institutionen. Einfacher ist die heutige Gestalt einer missionarischen Präsenz nicht zu haben.

Wer eine Stadt als Text zu lesen gelernt hat, wer die Kirche als religiöses und städtisches Schatzhaus eines Ortes wiederentdeckt hat, der vermag innovativ und basisnah projektorientierte Koalitionen auf Zeit über die gewöhnlichen institutionellen Grenzen hinaus zu schmieden. So könnte die Institution Kirche gerade an ihren Grenzen Tore öffnen statt Burgmauern zu errichten. Die Kirche muss ihre Nachbar-Institutionen kennen und achten lernen. Sie muss ihren Teil dazu beitragen, dass Stadtfrieden nicht an der Unfriedlichkeit der Religionen untereinander scheitert, wie uns dies nicht nur auf dem Balkan ständig vorgeführt wird. Die Kirche darf hier so wenig resignieren, wie die Universität. Sie darf nicht in die Nische, sie muss auf den Markt.

Die Polarität zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zielt also letztlich auf die Achtung und Bewahrung des Stadtfriedens, des Schalom, der soziale Gerechtigkeit und Toleranz einschließt.

III. Der notwendige und verheißungsvolle Weg, Dorfkirche und Stadtkirche zugleich zu werden

Es könnte scheinen, dass ich der privaten oder familiären Welt eigentlich den Abschied geben möchte, um alle zu einer ausschließlichen Orientierung an den Strukturen und Formen der urbanen Welt zu bekehren.

Das wäre ein Missverständnis. Ich selbst habe als Pastor in einem Berliner Neubaugebiet nur familiär und persönlich überlebt, weil wir einen Schrebergarten &endash; eine Rarität im eingeschlossenen Berlin der 70iger Jahre - ergattern konnten. Hier lebten wir mit den Parzellennachbarn friedlich und direkt, also dörflich über den Gartenzaun hinweg. Das Private ist ein überlebensnotwendiger Bereich. Insofern kann man überspitzt sagen: Wir werden als Dörfler geboren und tragen die dörfliche Kulturstufe mit ihrer unvermittelten Direktheit, mit ihrem informellen Austausch etc. unser Leben lang in uns. Paradox formuliert: In einer Situation in der es immer weniger klassische, agrarisch orientierte Dörfer gibt, sondern sie alle zu Vororten der Städte werden, in dieser Situation erobert die Dorfstruktur heimlich und schleichend die Stadtlandschaft, ein Begriff, der etwas von der Vermischung der Strukturen, Kulturen und Milieus ausdrückt.

Viele Flure größerer Bürohäuser mutieren wieder zu Dorfstraßen mit ihrer Ambivalenz von Nähe und der Abwehr großer Veränderungen, der Solidarisierung gegen Eindringlinge von außen usw. Die dörfliche und die urbane Kulturstufe existieren also gleichzeitig in den urbanen Regionen ebenso wie in uns selbst. Sie sind als solche weder heilig noch dämonisch. Es gilt vielmehr, ihre jeweiligen Ambivalenzen und Konfliktpotentiale zu erkennen und situationsgemäße Koexistenzformen zu entwickeln.

Wir dürfen weder aus politischen noch aus theologischen Gründen bei einer Kulturstufe stehen bleiben. Wir brauchen für ein funktionierendes Gemeinwesen aber auch für das innere und äußere Wachsen jeder Persönlichkeit beide. Weltbürgerliche Mentalität und Sensibilität kann am Wald- oder Feldrand wohnen. Dörfliche Orientierungen gibt es auf jedem Kiez in den Metropolen.

Was wie ein Widerspruch erscheint, erscheint alltagspraktisch als konflikthafte und wenig durchschaute Addition verschiedener Lebensstile, Lebenswelten.

Das Städtische ist, formelhaft gesprochen, gekennzeichnet durch Zentralität, Heterogenität und Verdichtung, so die zentralen Bestimmungen, die der spiritus rector der Chicagoer Schule der Stadtsoziologie Park - übrigens ein Schüler Simmels - herausgestellt hat.

Das Dörfliche ist demgegenüber gekennzeichnet durch den Rhythmus der Natur, durch Überschaubarkeit und personale Unvermitteltheit, sowie durch weitgehende Homogenität.

Diese Kennzeichnungen sind natürlich idealtypische Stilisierungen und machen auf den ersten Blick deutlich, dass wir es in der Realität immer mit Mischformen zu tun haben. Gleichwohl sind die Pole zu unterscheiden. Mir scheint es darum sinnvoll, hier auch additiv von Kulturstufen zu sprechen.

Kann die Theologie über deren Zuordnung etwas aussagen? Das soll nun noch einmal theologisch erwogen werden. Die Spannbreite von dörflich umgrenzter und weltbürgerlich entgrenzter Orientierung kommt nämlich in den Blick, wenn wir an eine der persönlichsten, intimsten religiösen Handlungen denken, nämlich das Beten.

Das Vaterunser, das Grundgebet der Christenheit, das die Welt umspannt (H. Thielicke), umfasst den innerlich-persönlichen Bereich wie auch den weitest denkbaren Horizont, das Reich Gottes, das persönliche Schuldeingeständnis wie die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Weite des Horizonts zwischen dem persönlichen Angesprochensein und dem äußersten Horizont der Weltgeschichte und Schöpfung ergibt sich notwendig, wenn der monotheistisch gedachte Gott - um Jesu willen - als Vater angerufen werden darf.

Diese Spannbreite geht über die Ausdifferenzierung in dörfliche und urbane Kulturstufen weit hinaus. Darum sprengt schon die Anrede Unser Vater eigentlich alle Enge und relativiert alle Milieuschranken. Sie stiftet statt dessen universale Vernetzungen von Gott &endash; Welt und menschlicher Sozialität. Aber wie sind die Orientierung am Nahbereich und am weitesten Horizont erlernbar und lebbar?

Vielleicht am ehesten in einem geprägten, eingespielten, gleichsam rhythmischen Takt wachsender Horizonte: Kämmerlein und Welthaus, Knien und Demonstrieren, Beten und Arbeiten, die Vertrauten und die Fremden. Wir haben dies alles zu unterscheiden und beieinander zu halten. Das gelingt leichter, wenn der Rhythmus des Einübens sich in verschiedenen Räumen einspielen kann.

Darum brauchen wir im Laufe unserer Lebensgeschichte beide, die Kapelle und die Kathedrale, die Ortsgemeinde als Dorfkirche und die Citykirche. Wer hier in Alternativen denkt, spaltet in unserer Existenz liegende Dimensionen ab. Es hat auch im alten Israel immer die Hausfrömmigkeit und die Tempelfrömmigkeit gegeben. Diese Pluralität ist erst in jüngster Zeit wirklich untersucht und entfaltet worden (Albertz).

Von Rudolf Bultmann, diesem großen Oldenburger bzw. Wiefelsteder, stammt eine mündlich kolportierte, existentialtheologische Definition Gottes, die ich als wahrhaft evangelische Zeitansage, als Ermutigung verstehe und deshalb abschließend weitergeben möchte:

"Gott ist die Ungesichertheit des nächsten Augenblicks, die der Ungläubige als leben müssen, der Gläubige als leben dürfen erfährt."

In diesem Sinne ist es verheißungsvoll, dorfkirchliche und stadtkirchliche Strukturen weiter zu entwickeln, in den vorhandenen agrarischen und religiösen Festkalender auch die lokalen städtischen und aktuellen Fest- und Gedenktage einzuarbeiten und zu feiern und vieles mehr, was in der Citykirchenbewegung erprobt ist. Aber wir müssen dies alles nicht tun. In diesem Sinne dürfen und können wir in der Stadt dörflich und urban zugleich leben, wir müssen es aber nicht.

(nach oben)





.