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Dokumentation: "Suchet der Stadt Bestes ..." (Jer. 29,7)

Kirchliche Gestaltungsaufgaben in der Stadt


Prof. Dr. Walter Siebel
, Oldenburg


Impulsreferat: Wohin entwickeln sich unsere Städte? Tendenzen, Probleme, Perspektiven



Stadt und Stadtentwicklung - Thesen zum Vortrag

1. Die europäische Stadt ist ein Sonderfall. Nur hat sich das rationalistische Lebensmodell entwickelt.

2. Die europäische Stadt ist nur in widersprüchlichen Kategorien zu begreifen: Babel und Jerusalem.

3. Drei Merkmale kennzeichnen die europäische Stadt: ein morphologisches - die traditionellen Gestalt der europäischen Stadt, ein soziales - die urbane Lebensweise, ein kulturelles - die Stadt als Ort von Empanzipationshoffnungen.

4. Im Vortrag werden folgende Tendenzen einer Veränderung der europäischen Stadt behandelt.

a) die Stadt ist nicht mehr das Zentrum der gesellschaftlichen Dynamik

b) die Kernstädte drohen zu Mülleimern zu werden für die sozialen Probleme, die die Gesellschaft nicht bewältigen kann oder nicht bewältigen will

c) die Verinselung der Stadtstruktur

d) die Gefährdung der Integrationsfunktion der Stadt




Stadt und Stadtentwicklung - Vortrag


Die Stadt ist das zugleich großartigste und komplizierteste Artefakt, das die Menschheit hervorgebracht hat. Mit dem knappen Wort Stadt ist eine ungeheure Vielfalt unterschiedlichster Wirklichkeiten bezeichnet. Was verbindet die Stadt des europäischen Mittelalters mit im Durchschnitt 400 Einwohnern mit einem Moloch wie Oldenburg von heute mit 150.000 Einwohnern? Und was hat Oldenburg in Oldenburg mit Mexiko City, Tokio und anderen Zwanzig-Millionen-Städten gemeinsam? Was auch hat die europäische Stadt gemein mit der asiatischen? Die asiatische Stadt ist symbolischer Ort, Abbild der göttlichen Weltordnung, Omphalos und heilige Stätte. Sie ist auf die Vergangenheit des göttlichen Schöpfungsaktes orientiert, sozialer Wandel ist ihr fremd. Dagegen hat sich in dem kleinen Anhängsel an die asiatische Landmasse, in Europa, Stadt als revolutionärer Ort, als Ort der Emanzipation, als Zentrum und Ferment der gesellschaftlichen Dynamik entwickelt. Symbolisiert ist das mit der Stadtkrone von Kirche, Rathaus und Markt. Die europäische Stadt ist das Zentrum des geistigen, politischen und ökonomischen Lebens der Gesellschaft. Aber eben damit ist sie eine sehr besondere, historisch einmalige Erscheinung.

Stadt ist außerdem ein zutiefst widersprüchliches Phänomen. In der Diskussion über die europäische Stadt, insbesondere die moderne, industrielle Großstadt stehen die widersprüchlichsten Urteile und Beschreibungen gegenüber. Stadtluft macht frei, aus den Zwängen der Natur, feudaler Herrschaft oder auch denen der eigenen Biographie. Aber zugleich enthält dies auch eine Drohung: alle Bindungen zu verlieren und in die Isolation zu geraten. Die Menschen richten widersprüchliche Erwartungen an die Stadt, sie soll Maschine sein, die von Arbeit und Verantwortung entlastet, Ort der Anonymität und zugleich Heimat, in der man sich auskennt und von anderen wiedererkannt wird. Die europäische Stadt ist ein widersprüchliches Gebilde. Ihre Urbanität realisiert sich in der Bewegung ihrer Widersprüche zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen blasierter Gleichgültigkeit des Großstädters und dem selbstbewussten Engagement des Stadtbürgers, zwischen Entfremdung und Identifikation. Das heilige Jerusalem und die Hure Babylon sind Archetypen des Urbanen. Die moderne Großstadt beherbergt beides: Jerusalem wie Babylon, und in dieser Widersprüchlichkeit liegt ihre Attraktivität. Urbanität ist durchaus auch anstrengend. Sie hat eine Tag- und eine Nachtseite. Eine Stadt, der es gelänge, nur noch gesittete und ausgeleuchtete Fußgängerzone zu sein, wäre nicht nur langweilig, sie wäre auch verlogen, denn diese Realität beruhte auf einer massiven Verdrängung der sozialen Probleme der Gesellschaft wie der Nachtseiten des menschlichen Verhaltens.

Diese beiden Anmerkungen auf dem Umweg über einen Begriff der europäischen Stadt sollten dazu dienen, das, was ich in meinem Vortrag nun behaupten werde, nämlich das Verschwinden der europäischen Stadt, zu relativieren: Stadt ist ein widersprüchliches Gebilde zwischen Bedrohung und Verlockung. Es wird immer Flucht aus der Stadt und Sehnsucht nach der Stadt geben. Die These vom Verschwinden der europäischen Stadt meint demnach nicht das Verschwinden der Stadt, sondern nur einer spezifischen historischen Ausprägung von Stadt. Das Städtische wird sich ändern, nicht verloren gehen. Die europäische Stadt ist eine historisch sehr besondere Form von Stadt. Auch das entdramatisiert den gegenwärtig beobachtbaren Wandel. Es ändert sich eine Ausprägung der Stadt, eine neue tritt an ihre Stelle, und solche Veränderung geht stets einher nicht nur mit Verlusten, sondern auch mit Gewinnen, sonst würde sie nicht stattfinden. Die neue Stadt jenseits der traditionellen europäischen Stadt existiert im übrigen schon seit langem, z.B. im Ruhrgebiet. Dort, wo die moderne Gesellschaft ungehindert durch überkommene vormoderne Siedlungsstrukturen den Prozess der Urbanisierung prägen konnte, zeigt sich eine Stadtstruktur, die nur noch wenig mit der klassischen europäischen Stadt gemein hat.

Was aber ist die europäische Stadt? Ich möchte drei Merkmale vorschlagen:

  • ein soziales: Wir verbinden mit Stadt die Vorstellung einer bestimmten urbanen Lebensweise, die den Städter vom Ländler unterscheidet

 

  • ein kulturelles: Wir verbinden mit der europäischen Stadt die Hoffnung auf Emanzipation, die Hoffnung, als Städter ein besseres Leben führen zu können

 

  • Gefäß und Symbol dieser besonderen Lebensweise und dieser Hoffnungen, die sich mit der europäischen Stadt verbinden, ist die traditionelle Gestalt der europäischen Stadt.


Welche gesellschaftlichen Entwicklungen stellen diese Merkmale der europäischen Stadt in Frage?

Die beiden ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik fielen in das sog. Goldene Zeitalter des Kapitalismus: ein enormer Zuwachs an gesellschaftlichem Reichtum, Abbau sozialer Ungleichheit und eine deutsche Besonderheit: hohe ethnische Homogenität. Die Bundesrepublik war auf dem Weg zu einer ökonomisch prosperierenden, sozial gerechten und kulturell integrierten Gesellschaft. Entsprechend war Stadtentwicklung identisch mit Wachstum und dem Abbau sozialräumlicher Unterschiede.

Seit den 70er Jahren hat sich das grundlegend geändert. Der wachsende gesellschaftliche Reichtum filtert nicht mehr nach unten durch in Gestalt besserer Wohnungen, qualifizierter Arbeitsplätze und höherer Einkommen für Arme und Arbeitslose. Die soziale Ungleichheit nimmt wieder zu. Die Zahl der Deutschen sinkt, die der Migranten steigt, und die Zuwanderung trägt als das sichtbarste Zeichen der Globalisierung zusammen mit der Armut auch die ethnischen und kulturellen Differenzen der Zweiten und Dritten Welt in die Erste Welt der deutschen Städte. Zusammen mit technischen Innovationen, Änderungen der Politik und anhaltender Suburbanisierung bedingt das einen neuen Typus der Stadtentwicklung, der durch Schrumpfen und sozialräumliche Polarisierung gekennzeichnet ist.

Dieses neue Paradigma der Stadtentwicklung ist zunächst in den alten Industrieregionen sichtbar geworden. Es wurde damit als Nord-Süd-Gefälle diskutiert. Heute zeigt es sich besonders deutlich im Gefälle von West nach Ost. Ich möchte drei Konsequenzen diskutieren: für die physische Gestalt der europäischen Stadt, für ihre sozialräumliche Struktur und für ihre urbane Funktion als Ort der Integration.

Zunächst zur Gestalt der europäischen Stadt. Sie ist mit vier Merkmalen zu charakterisieren: Dichte, Mischung, Stadt-Land-Gegensatz und Zentralität. Alle vier Merkmale gehen verloren. Ich will das an dem der Zentralität erläutern.

Die räumliche Zentralität der europäischen Stadt, ihre Organisation hin auf eine Stadtkrone steht für die politische, ökonomische, soziale und kulturelle Zentralität der Stadt. Der Prozess der Suburbanisierung, der die letzten hundert Jahre der Stadtentwicklung dominiert hat, macht aber die Kernstadt zum Verlierer. Sie verliert Bevölkerung, Arbeitsplätze und, was für die europäische Stadt besonders gravierend ist, weil es sich um die Gründungsfunktion der europäischen Stadt handelt: Sie verliert auch die Handels- und Marktfunktionen. Entfielen noch vor zwanzig Jahren 60 Prozent der regionalen Einzelhandelsflächen auf die Kernstädte, so sind es heute nur noch 40 Prozent. Diese Entwick-lung hat strukturelle Ursachen, d.h. sie ist kaum steuerbar.

Allerdings gibt es Gegentendenzen: einmal die enorme Beharrungskraft städtischer Strukturen. Das Stadtsystem, in dem wir heute leben, ist im 11. und 12. Jahrhundert entstanden. Es hat Bestand gehabt trotz der enormen Bevölkerungsverluste im Zuge von Pestepidemien und dem Dreißigjäh-rigen Krieg, trotz der politischen und ökonomischen Umwälzungen des 19. Jahrhunderts und trotz der kriegerischen Zerstörungen im 20. Jahrhundert. Und was für das Stadtsystem als Ganzes gilt, das gilt auch für die Struktur der einzelnen Stadt. Aber es ist nicht nur die Gravitationskraft einmal entstandener Strukturen, die das Zentrum der europäischen Stadt überleben lässt. Es gibt auch eine neue Nachfrage nach Stadt. Die Innenstädte werden auch zukünftig enorme Anziehungskraft für Unternehmenssitze haben. Städte, die über ein historisches Kapital in Gestalt intakter Altstädte verfügen, werden wichtige Anziehungspunkte für den Tourismus sein. Die sozialen Gruppen, die innenstadtorientierte Lebensstile bevorzugen, insbesondere gutverdienende, qualifizierte Erwach-sene ohne Kinder, werden zahlreicher. Und schließlich werden die Städte auch in Zukunft eine Funktion behalten, die ihnen weniger angenehm ist, nämlich Auffangbecken zu sein für die Armen, die Alten, die Arbeitslosen und die Ausländer. Es werden also keine Löcher in der Mitte der Stadt entstehen mit Ausnahme reiner Industriestädte. Aber, die europäische Stadt wird ihre klassische Struktur des Gefälles von der Stadtkrone herab zur Peripherie verlieren, Zentralität wird abgebaut.

Auch die sozialräumliche Struktur der Stadt wird sich ändern. Die europäische Stadt war immer im Vergleich zur amerikanischen Stadt sehr gering segregiert, d.h., hier wurden soziale Distanzen weniger eindeutig in räumliche Distanzen übersetzt. Segregation, d.h. die Konzentration der verschiedenen sozialen Gruppen in verschiedenen Räumen der Stadt war immer nur gering ausgeprägt. Seit den 60er Jahren aber ändert sich das. Einmal lässt sich eine großräumige Segregation zwischen Kernstadt und Umland beobachten. In der Kernstadt konzentrieren sich die sozialen Problemgruppen, im Umland die aktiven Haushalte der Mittelschicht. Die Abwanderung der Mittelschicht aus der Kernstadt hat sehr unterschiedliche Gründe: der Wunsch nach mehr Wohnfläche, nach bestimmten Wohnformen wie dem Einfamilienhaus, nach einer physisch intakten Umwelt, aber auch nach einer besseren sozialen Umwelt, d.h. nach einer guten Adresse, nach einer sicheren Wohnumgebung und nach guten, d.h. zunehmend ausländerfreien Schulen.

Es entwickelt sich eine negative Arbeitsteilung zu Lasten der Kernstadt. Die Konzentration der Problemgruppen der Region in der Kernstadt aber setzt einen Circulus-Vitiosus in Gang. Folge ist eine weitere Abwanderung der Mittelschicht, was zu finanziellen Belastungen der Städte durch sinkende Steuereinnahmen und wachsende Belastungen durch die Sozialhilfe führt. Die Abwanderung der Mittelschicht bedeutet aber auch eine politische Schwächung der Kernstadt. Wenn die Mehrheit der wahlentscheidenden Bevölkerung im Umland wohnt, lohnt sich eine Politik zugunsten der Kernstadt politisch immer weniger. Woher sollen die soliden Mehrheiten für eine langfristige und teure Stadtpolitik kommen, was könnte die Basis für eine Solidarität des Umlands mit der Kernstadt sein? Wahrscheinlicher ist eher, dass die Mittelschicht in den gesicherten Umlandgemeinden ihre Solidarität mit der Kernstadt zunehmend verweigert, wie das in den Vereinigten Staaten schon beobachtet werden kann. Basis für eine Politik zugunsten der Kernstädte bieten nur zwei schwache Motive. Einmal Angst, aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie wird eher zum Ruf nach mehr Polizei als nach mehr Gemeinwesenarbeitern führen. Zum andern Moral, aber auch in der Geschichte der christlichen Mildtätigkeit kennt man seit langem die Differenzierung zwischen würdigen und unwürdigen Armen, eine Differenzierung, die auch heute herangezo-gen wird, um die steigenden Kosten der Sozialhilfe zu begrenzen.

Schließlich löst sich das Stadtbürgertum auf. Die Stadt ist heute nicht mehr Einheit des Alltags ihrer Bürger. Solange der Bürger in seiner Stadt nicht nur wohnte sondern auch arbeitete und die Kultureinrichtungen nutzte, solange existierte eine städtische Öffentlichkeit, die in sich selber die Konflikte zwischen Arbeiten, Wohnen und Freizeit lösen musste. Heute aber organisieren Bürger ihren Alltag mehr und mehr arbeitsteilig über verschiedene Gemeinden hinweg. Man wohnt in Hude, kauft ein in Oldenburg, fährt zur Arbeit nach Bremen und passiert dabei mit dem Auto Delmenhorst. Also sehen sich die Städte sehr spezialisierten Wünschen von Kundengruppen gegenüber: in Hude verlangt man ein von Arbeit und Einkaufen ungestörtes Wohnen, von Oldenburg eine funktionierende Fußgängerzone mit einem Ring von Parkhäusern, von Bremen einen gut erreichbaren und expandierenden Arbeitsmarkt und von Delmenhorst Schnellstraßen. Diese Erosion der Stadtbürgerschaft schwächt die Basis der kommunalen Selbstverwaltung.

Innerhalb der Kernstädte vertiefen sich die sozialen Spaltungen. Es entwickeln sich drei einander überlagernde Inselsysteme. Auf der untersten Ebene die ortsgebundenen Arbeitsmilieus der von Ausgrenzung bedrohten Gruppen der Zuwanderer, der Armen und der Arbeitslosen. Darüber die über Automobilität vernetzten Wohn-, Arbeits- und Freizeitorte der verschiedenen Lebensstilgruppen der Mittelschicht. Schließlich darüber die kaum lokal eingebundenen Wohn- und Arbeitsstandorte der international orientierten, konkurrenzfähigen sozialen Gruppen und Betriebe. Diese Milieus überlagern sich in der Fläche. Damit entsteht eine Fülle unerwünschter Nachbarschaften, deren Grenzen nun kontrolliert werden müssen, und diese Kontrolle ist um so dringlicher, je tiefer die sozialen Spaltungen der Gesellschaft werden. Das ist einer der wesentlichen Gründe dafür, dass Sicherheit zu einer bedeutsamen Dimension der sozialen Strukturierung von Stadt geworden ist. Die Differenzierung zwischen sicheren und unsicheren Räumen überlagert die klassische Unterscheidung von öffentlichen und privaten Räumen der Stadt und sie überhöht soziale Segregation.

Diese Entwicklungen bedrohen auch die urbane Kultur der europäischen Stadt als Ort sozialer Integration. Europäische Urbanität ist nicht zu verstehen ohne die an sie geknüpften Hoffnungen. Stadtluft macht frei. Die Attraktivität der europäischen Stadt beruht auf der Hoffnung, als Städter sich aus ökonomisch, politisch und sozial beengten Verhältnissen befreien zu können. Deshalb ist die europäische Stadt immer Ziel von Zuwanderern gewesen, die an ihren Heimatorten am gesellschaftlichen Rand standen und hofften, in der Stadt ihr Glück zu machen. Die europäische Stadt, insbesondere die expandierenden industriellen Großstädte haben diese Funktion als Orte der Integration weitgehend erfüllt. Zunächst gegenüber dem Industrieproletariat, das im 19. Jahrhundert in die Städte strömte, dann auch gegenüber den sog. Gastarbeitern in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Heute droht die Stadt zum Ort der Ausgrenzung zu werden. Relevante Minderheiten finden immer weniger Zugang zum Arbeitsmarkt und damit zu einem wesentlichen Ort der Integration, dem Betrieb. Die Aufgabe der Integration fällt dem Stadtquartier zu, das dazu immer weniger in der Lage ist. Migranten finden Zugang vornehmlich zu solchen Quartieren, in denen sie auf eine deutsche Bevölkerung treffen, die selber in ungesicherter Situation lebt oder einen sozialen Abstieg hinnehmen musste. Sie sind am wenigsten in der Lage, sich auf das Abenteuer der Auseinandersetzung mit dem Fremden einzulassen. Die multikulturelle Gesellschaft und die Segnungen der Heterogenität werden im allgemeinen von wohlsituierten Gruppen hochgehalten. Diese aber bewahrt die Gnade gespaltener Arbeits- und Wohnungsmärkte davor, in ihrem Alltag auch das zu praktizieren, was sie der Gesellschaft als ganzer empfehlen. So bürdet die Gesellschaft die Aufgabe der Integration des Fremden ihren schwächsten Mitgliedern auf. Kein Wunder, dass dies zu sozialen Konflikten führt. Damit aber droht die Stadt von einem Ort der Integration zu einem Ort der Ausgrenzung zu werden.

Auch in Zukunft wird die Stadt Ort der Kommunikation sein. Aber die Stadt, insbesondere ihr Zentrum verliert seine dominante Rolle als der privilegierte Ort, an dem sich die Gesellschaft über die zentralen Themen von Politik und Kultur verständigt. Anscheinend benötigen moderne Gesellschaften keine Zentralität mehr, jedenfalls nicht in der Form, wie sie die traditionelle europäische Stadt geboten hatte. Die Stadtkrone ist heute nicht mehr zugleich physisch räumliches Zentrum und Zentrum des politischen, ökonomischen und geistigen Geschehens. Das ist der eigentliche Grund, weshalb sich die Gestalt der europäischen Stadt in netzartigen Strukturen der großen Agglomerationen mehr und mehr verliert.

Stadt kann heute auch nicht mehr innerhalb kommunaler Grenzen politisch definiert werden. Diese Grenzen repräsentieren historisch überholte Zufälligkeiten angesichts der regionalen Organisation von Ökonomie, Infrastrukturen und dem Alltagsleben der meisten Menschen. Das Stadtzentrum ist heute nicht mehr Kristallisationspunkt des Urbanen, jedenfalls wenn man unter Urbanität mehr versteht als Gewimmel in Fußgängerzonen zu den Ladenöffnungszeiten. Schließlich droht die Stadt ihre integrative Funktion zu verlieren. Damit aber ist mehr in Frage gestellt als nur die Norm sozialer Gerechtigkeit. Europäische Urbanität beinhaltete immer das Versprechen, als Städter ein besseres Leben führen zu können. Die Stadt als Ort der Ausgrenzung stellt diese Emanzipationshoffnung radikal in Frage. Wenn die Gesellschaft ihre ungelösten sozialen Probleme nur noch in den Städten zur Verwaltung ablagert, dann bleibt die urbane Kultur davon nicht unbeschädigt.

(nach oben)



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