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7-Juni-12 Vortrag Kaddor 3Am Donnerstag, dem 7. Juni 2012 hielt Frau Lamya Kaddor, eine der wohl „einflussreichsten muslimischen Frauen Europas“ (NWZ vom 9. Juni 2012), im Kulturzentrum PFL in Oldenburg innerhalb unserer Reihe „Migrationsgeschichte/n“ einen Vortrag zum Thema:

„Verhindert Religion Integration?“

7-Juni-12 Vortrag Kaddor 2Die Leiterin der Akademie, Brigitte Gläser, begrüßte zu Beginn Frau Kaddor und die gut 50 interessierten Zuhörer und stellte heraus, dass Frau Kaddor trotz ihres jungen Alters von 33 bereits eine beachtenswerte Laufbahn hinter sich habe, zahlreiche Positionen bekleide, viel initiiert und etliche Ehrungen erhalten habe. So wurde sie von der Bundesregierung mit der Integrationsmedaille ausgezeichnet, erhielt 2010 in Madrid den „European Muslim Woman of Influence Award“, der Rotary Club verlieh ihr den Förderpreis und das von Frau Kaddor herausgegebene Schulbuch „Saphir 5/6“ bekam auf der Frankfurter Buchmesse den Ehrenpreis „Best European Schoolbook Award 2009“ verliehen. Als weiteres Werk der erfolgreichen Autorin sei hier noch ihr viel beachtetes Debattenbuch „Muslimisch, weiblich deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam“ erwähnt, mit dem sie der „schweigenden Mehrheit“ der Muslime in Deutschland erstmals ein Gesicht gab.

7-Juni-12 Vortrag Kaddor 1Frau Kaddor stellte gleich zu Beginn ihres, in einer klaren und offenen Sprache gehaltenen Vortrags heraus, dass der Titel der Veranstaltung „Verhindert Religion Integration“ mit „Nein“ zu beantworten sei – und sie selbst verkörpert ja auch ein eindeutiges Beispiel. Bemerkenswert an ihrer Tätigkeit ist, dass sie sich als Wissenschaftlerin nicht im Elfenbeinturm verschanzt, sondern sich als Pädagogin im Rahmen des nordrhein-westfälischen Schulversuches „Islamkunde in deutscher Sprache“ in Dinslaken der Praxis stellt. Sie berichtete, dass sich viele Schüler in dieser „Brennpunkt-Schule“ als Türken bezeichnen (während sie in der Türkei als „Deutschtürken“ verschrien sind) – sie sprächen weder gutes Deutsch noch gutes Türkisch, fühlen sich von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt und finden im „Muslim sein“ ein identitätsbildendes Rückzugsgebiet, welches ihnen niemand nehmen könne. Auch wenn sie ihr „Anders-Sein“ hieraus legitimieren, sei nicht zu übersehen, dass die eigentlichen Wurzeln z.B. auch ihrer Gewaltbereitschaft nicht in der Religion liegen (über deren tatsächliche Inhalte sie in der Regel nur wenig informiert sind), sondern in mangelnder Bildung und sozialer Benachteiligung. In diesem Kontext stellte Lamya Kaddor auch heraus, dass Muslime in den USA zu den am besten integrierten Gruppen zählen, das sie in der Mehrzahl auch gut qualifiziert seien.

7-Juni-12 Vortrag Kaddor 4Ein häufig unterschätzter Fakt ist, dass 75% der in Deutschland lebenden Muslime von keiner der vier Dachorganisationen vertreten werden – somit diese deutliche Mehrheit politisch sprachlos bleibt. In der öffentlichen Debatte hingegen wird vornehmlich polarisiert und in den Talkshows trifft dann wahlweise der Islamkritiker oder die „Vorzeigemuslimin“ (eine Rolle, die auch Frau Kaddor öfter „besetzen darf“) auf den „Hardcorefundamentalisten“ – wohl auch im Sinne der Quote.

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Lamya Kaddor, die als Mitbegründerin und Vorsitzende des „Liberal-Islamischen Bundes“ für ein auf Freiheit und Gleichberechtigung fußendes Leben der Muslime eintritt, verwies auch auf die starke Internetzpräsenz der Salafisten, die damit u.a. anstreben, mögliche „Konvertiten“ frühzeitig für sich zu gewinnen. Ein Teil dieser orthodoxen Gruppe (,die sie mit den Evangelikalen in den USA verglich, während diese später von einer Zuhörerin als „Nicht-Christen“ eingestuft wurden!) die sogenannten Jihadisten, sei sicherlich gewaltbereit, aber eben auch eine kleine Minderheit von 1–3%. Und die Wurzeln für diese Gewaltbereitschaft lägen häufig in – zumindest gefühlter – sozialer Benachteiligung.

7-Juni-12 Vortrag Kaddor 7Frau Kaddor erwies sich als gut strukturierte Frau, die auch die Kontroverse nicht scheut. Als sie als Beispiel für verzerrte Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ausführte, dass die offizielle Anzahl der jährlichen „Ehrenmorde“ nicht, wie von den meisten vermutet, bei zwei- oder dreihundert, sondern „nur“ bei 22 läge, rührte sich jedoch Unruhe im Saal – und es ergab sich ein fließender Übergang vom Vortrag zum offenen Gespräch.

7-Juni-12 Vortrag Kaddor 8Die konzentriert geführte Diskussion war dann sehr vielschichtig, teilweise gegensätzlich und hinterlies mehr Fragen als Antworten – was sicher nicht das schlechteste ist.

Überbrückend wirkte dann der Beitrag einer Diskutantin, die sich auf die Musiklehre bezog und feststellte „Harmonie heißt nicht Gleichklang - sondern Zusammenklang“, der dann allgemein als gelungenes Schlusswort gewertet wurde und die Veranstaltung offiziell beendete – während auch im Anschluss noch in kleinen Gruppen weiter diskutiert wurde.

Frau Kaddor, wir danken Ihnen für Ihren Besuch!

Bernd Landwehr

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