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zurück / Hermann-Ehlers-Symposium

NWZ vom 01.10.2004

Demokrat aus Leid und Leidenschaft

ERINNERUNG  Hermann Ehlers vor 100 Jahren geboren – Nimmermüder Einsatz für Politik und Kirche
Als junger Mann lehnte Ehlers Parteienvielfalt ab. Er wurde zum überzeugten und aufrechten Parlamentarier.

 

Von Andreas Meier


OLDENBURG/BERLIN - Er war der wirkungsmächtigste Politiker Oldenburgs in der jungen Bonner Republik – Hermann Ehlers' Wiege aber stand in der alten Reichshauptstadt Berlin. In Schöneberg kam heute vor hundert Jahren, am 1. Oktober 1904, der Mann zur Welt, der als Bundestagspräsident (1950 bis 1954) wie als streitbarer Kämpfer für die evangelische Kirche die Gründerjahre der Bundesrepublik entscheidend mitgestaltete. Sein viel zu früher Tod am 29. Oktober 1954 verhinderte wahrscheinlich eine noch größere Karriere des CDU-Politikers.

Sein Vater war als Postbeamter in die Hauptstadt, in den Bezirk Steglitz, befördert worden, so dass Hermann Ehlers in den Mittelpunkt und die Blütezeit der Wilhelminischen Zeit hineingeboren wurde. Als 15-Jähriger kam er in Kontakt zur kirchlichen Jugendbewegung und engagierte sich mit Haut und Haaren in den "Schülerbibelkreisen". Gemeinsam wurde die Bibel gelesen und heftig darüber gestritten. Die bündischen Bibelkreise waren ein zweites Zuhause für Ehlers – über sein Abitur 1922 hinaus.

Aus politischem Interesse berichtete der Student in Bibelkreis-Zeitschriften über innenpolitische Entwicklungen. Das geschah in deutsch-nationaler Weltsicht. "Blutende Grenzen" war etwa ein Artikel überschrieben; beklagt wurden deutsche Gebietsverluste durch den Versailler Frieden. Ehlers sympathisierte mit der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP), ohne für sie zu werben. Ihm war nicht geheuer, dass Parteienvielfalt in der Weimarer Republik dem Reich Einheit und Stärke nahm.

Die meisten Kameraden teilten Ehlers' undemokratische Überzeugungen. Aber die Arbeit der Bibelkreise war davon unabhängig. Ehlers, der Führungspositionen übernommen hatte, duldete 1933 nicht, dass Bibelkreise und Hitlerjugend zusammen marschierten. Im Dritten Reich" nutzte er die kleinen Möglichkeiten zum Ungehorsam gegen den Staat, ohne Widerstand zu leisten. Ehlers gehörte der "Bekennenden Kirche" an, die sich gegen die Gleichschaltung und Beeinflussung der Kirche durch den Nationalsozialismus wandte. Weil er sich weigerte, der NSDAP beizutreten, verlor Ehlers 1939 seine Anstellung als Richter in Berlin. 1940 wurde er zur Flak nach Hamburg eingezogen.

Nach Kriegsende suchte Hermann Ehlers Arbeit in der britischen Zone. Oldenburgs Ministerpräsident Theodor Tantzen bot ihm an, Oberbürgermeister in Delmenhorst zu werden. Doch Ehlers machte sich lieber an kirchliche Aufbauarbeit in Oldenburg. Die außerordentliche Synode der Lutherischen Landeskirche wählte ihn im Oktober 1945 zum juristischen Oberkirchenrat. Er gab der Kirche in Oldenburg eine Struktur.

Die britische Militärregierung, machte den Neu-Oldenburger zum Mitglied des ernannten Ratsausschusses der Stadt. Ehlers hatte radikal mit seinen antiparlamentarischen Ansichten gebrochen. Er kritisierte, dass 1946 die Einigung Niedersachsens gegen den Willen des Oldenburger Landtags in Oldenburg verfügt wurde.Der politische Ehrgeiz des Kirchenmanns war geweckt, am 1. August 1946 trat er in die CDU ein. Ein Mandat ließ nicht lange auf sich warten: Am 13. Oktober 1946 wurde Ehlers in den Oldenburger Stadtrat gewählt. Die Grenzen der Kommunalpolitik erwiesen sich jedoch bald als zu eng für die Ambitionen des Jung-Politikers: 1949 kam Ehlers über die Landesliste der CDU in den ersten deutschen Bundestag, wo er mit seiner kraftvollen Persönlichkeit schnell auf sich aufmerksam machte.

Auf Vorschlag evangelischer und norddeutscher Abgeordneter wurde Ehlers im Oktober 1950 zum Nachfolger des überforderten Bundestagspräsidenten Erich Köhler gewählt. Er war ein leidenschaftlicher Parlamentarier. In einer Demokratie, so seine These, gebühre dem Präsidenten der Volksvertreter eine höhere Würde als dem Kanzler.

So dauerte es nicht lange, bis Ehlers Konrad Adenauer in die Quere kam: Gegen den Willen des Kanzlers empfing der Parlamentspräsident am 19. September 1952 im Bundestag eine Delegation der DDR-Volkskammer. Einen Monat später wählte der CDU-Bundesparteitag Ehlers zum Stellvertreter Adenauers. Er galt als Kronprinz des "Kanzlers".

Ehlers' Sieg als Direktkandidat im September 1953 im Wahlkreis Delmenhorst/Wesermarsch war der Triumph eines Quereinsteigers in die Politik, den keine Parteijugend eingeschworen hatte: Er erhielt 53,8 Prozent der Erststimmen – der große Abstand zu den 31,7 Prozent der Zweitstimmen, die an seine CDU gingen, sind ein Beleg für Ehlers' Popularität bei den Wählern. Es war ihm nicht vergönnt, lange davon zu zehren: Kurz nach seinem 50. Geburtstag, am 29. Oktober 1954, starb Hermann Ehlers in einem Oldenburger Krankenhaus an den Folgen einer Mandelvereiterung.

 



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