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Ich wollte nur ein besseres Leben

Akademieveranstaltung "Geplatzte Träume" zum Thema Zwangsprostitution

Oldenburg. Getäuscht, bedroht, geschlagen: Ohnmächtig sitzen junge Frauen in deutschen Bordellen und werden gezwungen, der Prostitution nachzugehen. Sie haben in ihren Herkunftsländern den Versprechungen geglaubt, im reichen Deutschland ihr Glück zu finden. Krieg, Armut, politische Verfolgung lassen ihnen kaum eine Wahl, sie immigrieren in die Bundesrepublik. Ihre Träume als Au Pair-Mädchen, Erntehelferin oder Altenpflegerin genügend Geld für die Familie zu verdienen platzen, wenn sie Menschenhändlern in die Finger geraten.

Am Seminar "Geplatzte Träume", das die Akademie der Ev. – Luth. Kirche in Oldenburg gemeinsam mit dem Diakonischen Werk am vergangenen Freitag veranstaltete, nahmen rund 30 Gäste, bestehend aus Fachpublikum und interessierten Zuhörern, teil. Fachleute hielten Referate zu den Hintergründen und Auswirkungen des Frauenhandels.

Soziale und wirtschaftliche Aspekte beeinflussen die Entscheidung der Frauen, die in Notlagen leben, nach Deutschland einzuwandern, weiß Katarzyna Zentner von der Zentralen Koordinierungs- und Beratungsstelle für Opfer von Menschenhandel (Kobra) aus Hannover. "Sie tragen in ihren Heimatländern eine enorme Verantwortung für die oft großen Familien." Ihnen würden viel Geld und eine Arbeitsstelle mit guten Bedingungen versprochen. "Wie sich später dann herausstellt, haben sie durch die Einreise hohe Schulden gemacht, die sie dann als Prostituierte abarbeiten müssen", so Zentner.

Die Bekämpfung des Frauenhandels ist problematisch, weiß ein Vertreter der Zentralen Kriminalinspektion Oldenburg. Als so genannte Kontroll- und Holkriminalität sei die Arbeit sehr zeitintensiv, in der Regel müsse die Polizei hier nachts aktiv werden. Die Kontaktaufnahme sei wegen der Sprachschwierigkeiten und der neuen Regelungen für EU-Bürgerinnen erschwert. Große Städte hätten spezielle "Millieudienststellen", die es in Oldenburg nicht gäbe. Hier würde die Arbeit von Polizeibeamten in einem Fachkommissariat neben der Alltagskriminalität bearbeitet. Dazu kommt, dass die Frauen in ihren Herkunftsländern oft sehr schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht hätten und das Vertrauen fehle. Der Anstieg von 77 Fällen in Niedersachsen (2006) auf geschätzte 110 Fälle (2007) sei durch die vermehrten Ermittlungsverfahren nach Senkung der Tatbestandmerkmale zu erklären. Vielfach würden die Verfahren jedoch eingestellt.

Das bestätigte Petra Wulf-Lengner von der Bremer Beratungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution (BBMeZ): "Die Strafverfolgung ist schwierig und komplex. Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen." Gemeinsam beklagten die Referenten, die lang andauernden Gerichtsverfahren, die oftmals durch Anwälte künstlich in die Länge gezogen würden. Bis zu fünf Jahren müssen die Frauen in einem ungeklärten Aufenthaltsstatus auf die Entscheidung des Gerichts waren. Immer wieder müssten sie aussagen und das trotz ihrer extremen Traumatisierung. "Leider fällt das Strafmaß meist sehr niedrig aus", sagt Wulf-Lengner. Die Referenten forderten: Die Frauen müssen ernst genommen werden. Die wirtschaftliche Situation während der Wartezeit muss verbessert werden, außerdem sei ein geordneter Aufenthaltstatus angezeigt. Die Opfer sollten an Sprachkursen und Qualifizierungsmaßnahmen teilnehmen können.
Geplatzte Traume 1
(v.l.): Petra Wulf-Lengner (BBMeZ), Sagitta Paul (Gesundheitsamt Bremen), Katarzyna Zentner (Kobra), Theo Lampe (Diakonisches Werk) und Dr. Andrea Schrimm-Heins (Akademie der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg) formulierten gemeinsame Ziele.
Geplatzte Traume 2
Katarzyna Zentner von Kobra beschrieb die Situation der Frauen in ihren Herkunfsländern als chancenlos.

 

Fallbeispiel:

Oxana stammt aus Weißrussland. Sie war 20 Jahre alt, als sie Opfer der Zwangsprostitution wurde. Oxanas Familie lebt in armen Verhältnissen, sie teilen sich zu acht eine Drei-Zimmer-Wohnung. Um Geld zu verdienen, besorgte sich die 20-Jährige ein Arbeitsvisum und ging für einige Monate nach Polen als Pflückerin zur Weinlese. Es folgte ein Auftrag in Deutschland, hier sei der Verdienst höher. Alles ging sehr schnell, die Fahrt fand nachts statt. Unter Gewaltandrohung wurde Oxana und eine Kollegin in ein Haus gebracht und eingesperrt. Tagelang mussten sie hier in einem dunklen Zimmer ausharren. Ihr wurde erklärt, dass sie ab sofort in einer Bar der Prostitution nachgehen müsse. Die beiden jungen Frauen wurden geschlagen und bedroht. Nach zwei Wochen in der Zwangsprostitution war Oxanas Wille gebrochen. Sie schlief und lebte in ihrem Arbeitszimmer und hatte einen großen Schuldenberg, der durch die Reise nach Deutschland und durch eine hohe Miete entstanden war, abzuzahlen. Falls sie nicht willig sei, würde ihrer Familie etwas zustoßen. Sie konnte nach zirka fünf Monaten fliehen und schaffte es trotz ihrer Sprachschwierigkeiten bis zu einer Polizeistation.


Hintergrund:

In der Regel sind die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution zwischen 20 und 26 Jahre alt, ist dem Jahresbericht der Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution (BBMeZ) in Bremen zu entnehmen. Im vergangenen Jahr waren auch jüngere Klientinnen betroffen. Das Gros der Opfer stammt aus Mittel- und Osteuropa. Geschätzt wird, dass jährlich etwa 2,4 Millionen Menschen betroffen sind. Die vermuteten Gewinne liegen mit 32 Mrd. US-Dollar über denen, die im Waffen- und Drogenhandel erzielt werden.
Während im Jahr 2006 in Niedersachsen 77 Fälle mit 138 Opfer und 140 Tatverdächtigen, davon sechs im Großbereich der Polizeidirektion Oldenburg (kein Fall in der Stadt Oldenburg oder dem Landkreis Ammerland), verzeichnet worden sind, belaufen sich die vorläufigen Zahlen für das vergangene Jahr auf zirka 110 Fälle in Niedersachsen mit 130 Opfern und 160 Tatverdächtigen, fünf Fälle im gesamten Bereich des Alten Oldenburger Landes.


Anja Michaeli

 

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