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NWZ vom 01.10.04

"Ehlers wäre Nummer eins in der CDU geworden"

ERINNERUNG Johannes Rau lernt Bundestagspräsidenten aus Oldenburg in jungen Jahren kennen


VON ANDREAS MEIER

BERLIN/OLDENBURG - Der eine war in den Gründerjahren Präsident des Parlaments, der andere bis vor kurzem Präsident der Republik; beide bemühten sich nach dem 2. Weltkrieg um den Neuaufbau der evangelischen Kirche und kamen so in Kontakt miteinander: Hermann Ehlers war zeitweise der Arbeitgeber von Johannes Rau.

Den Norddeutschen Ehlers und den 27 Jahre jüngeren Rheinländer – Rau wurde 1931 geboren – verband das Engagement in der evangelischen Schülerarbeit – trotz politischer Meinungsunterschiede. Rau sah den Bundestagspräsidenten erstmals auf einer Zusammenkunft der evangelischen Jugend 1950 in Marburg. Dort war Ehlers Eröffnungsredner für Gustav Heinemann, als beide noch in einer Partei waren. Im Herbst 1953 – Raus politischer Ziehvater Heinemann hatte die CDU inzwischen verlassen – wurde Rau Hermann Ehlers auf der Buchmesse in Frankfurt vorgestellt: "Er fragte mich, ob ich bereit sei, den Jugenddienstverlag in Oldenburg zu übernehmen", erinnert sich Rau. Bei diesem Gespräch habe ein Teilnehmer zu Ehlers gesagt: "Herr Präsident, Herr Rau ist aber politisch in einer völlig anderen Linie als Sie." Dann guckte mich Ehlers an, kritisch, und fragte: "Niemöller?" Da sagte ich: "Karl Immer, das war mein Gemeindepfarrer". Da sagte Ehlers: "Das ist gut."

Rau sagte zu, Ehlers' Jugenddienstverlag zum 1. Januar 1954 bals Leiter zu übernehmen. Doch am 15. Dezember 1953 verunglückte Raus Vater tödlich – das schloss den Wechsel nach Oldenburg aus. "Dann habe ich diesen Verlag gewissermaßen in einem VW-Bus von Oldenburg, wo er im Büro von Hermann Ehlers untergebracht war, nach Wuppertal geholt und da aufgebaut", erzählt Rau. "Ehlers hat den Verlag gegründet, ich war nun sein Angestellter."

Nach den Beobachtungen Raus, der wie Heinemann den Weg zur SPD fand, war Ehlers politisch einsam: "Seine persönlichen Freunde waren nie CDU-Leute. Sondern es waren Kameraden aus den Bibelkreisen." Im Gespräch mit Freunden habe Ehlers nicht politisch argumentiert. "Dass er natürlich traurig war, dass seine engsten Freunde ihm nicht politisch folgten, will ich nicht bestreiten."

Rau sagt, er habe Ehlers außerordentlich geschätzt: "Ich habe wenige in meinem Leben kennen gelernt, die eine so brillante Sprache haben, eine so präzise, sparsame Sprache wie Hermann Ehlers. Er war ein glänzender Rhetoriker. Und er wäre in der CDU nach Adenauer nach meiner Überzeugung die Nummer eins geworden, kein anderer . . ."

Rau erinnert sich an die Pfingsttagung der Bibelkreise 1954 in Celle: "Wir wohnten im gleichen Hotel, wir saßen jeden Abend zusammen – Tageszeitungen stellten ständig die Frage: Wo ist Ehlers? Denn Adenauer wollte ihn sprechen. Ehlers hatte gesagt, dass er den Volkskammerpräsidenten empfangen wird. Adenauer hielt das für völlig falsch . . . und Hermann Ehlers machte nur hämische Bemerkungen darüber, dass Adenauer Celle nicht kannte."



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