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Gott kommt auf den Schwingen des Gesangs.

Von Spirituals und Auf(er)stehen

Akademieveranstaltung am 18. November 2005 in Rastede


Auf große Resonanz stieß die Veranstaltung im November, in der es um Ursprung und verschlüsselte Botschaften von Spirituals ging und in der Spirituals unter der fachkundigen und mireißenden Anleitung der Gospelchorleiterin Christel Spitzer eingeübt wurden.

Mit Genehmigung der Referentin finden Sie hier eine gekürzte Fassung des Referats von Dr. Eske Wollrad. Der Beitrag ist auch abgedruckt in dem Sammelband:

"Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen", hrsg. von Luzia Sutter Rehmann u.a., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, S. 91 – 97

"Ich habe euch nun seit fast zwei Stunden zugehört. Ihr habt über das Sterben, die Vergebung eurer Feinde und über die Gewißheit, daß man euch im neuen Jerusalem willkommen heißen wird, geredet, gesungen und gebetet. ... Aber warum betet ihr nicht dafür zu leben und fordert, freigelassen zu werden? ... Laßt von nun an all eure Lieder und Gebete Lieder des Glaubens und der Hoffnung sein, daß Gott euch befreien wird. ... Hört auf, über das Sterben zu reden; wenn ihr glaubt, daß euer Gott allmächtig ist, glaubt daran, daß er mächtig genug ist, diese Gefängnistüren zu öffnen, und sagt's auch" (Ida Wells-Barnett, ca. 1896).

Womanistische Spiritualität, die Spiritualität Schwarzer feministischer Christinnen in den USA, überlässt Sterben und Tod nicht das letzte Wort, sondern feiert die Hoffnung auf eine Auferstehung im Leben. Die Afri­kanisch-Amerikanerin Ida Wells-Barnett (1862-1931) verkörperte diese Spiritualität: Zeit ihres Lebens bekämpfte sie die Lynch"justiz", die vom rassistischen Mob ausgeübt wurde und über 10.000 Opfer forderte. Als in Elaine, Arkansas, zwölf Schwarze Männer auf Grund falscher Beschuldi­gungen ins Gefängnis geworfen wurden, forderte Wells- Barnett sie auf, Lieder der Hoffnung und der Befreiung zu singen. Es waren Lieder wie Swing Low, Sweet Chariot oder When Israel was in Egypt's land, und viele von uns hier in Deutschland kennen sie gut, aber verstehen wir sie auch?

Breaking the Fine Rain of Death

Der feine Regen des Todes (Townes 1998) gehört seit über dreihundert Jahren zu den Erfahrungen afrikanisch-amerikanischer Menschen. Auf die Versklavung folgte die Lynch"justiz", darauf die "Rassen"trennung, und bis heute ist Rassismus tief in der US-amerikanischen Gesellschaft verwurzelt.

Darüber hinaus prägen Armut, Drogen und Gewalt die innerstädtischen Schwarzen Viertel. Jetzt ist es insbesondere die Billig-Droge Crack, die das Leben junger Schwarzer zerstört. Die womanistische Theologin Delores Williams spricht vom geplanten und systematisch aus­geführten "Schwarzen Genozid", der auf die geistige und physische Zerstörung der Schwarzen Community zielt (Williams 1993,132ff.) und den zu bekämpfen schier aussichtslos scheint. Breaking the fine rain of death? Das Christentum hat viel zum feinen Regen des Todes beigetragen. In den 60er-Jahren kritisierte der Muslim-Führer Malcolm X das Christentum als die "Religion des Weißen Mannes", und tatsächlich hat es seit der Zeit der Sklaverei Schwarzen vermittelt, ihr untergeordneter Stand sei gottgewollt, und dass alles, worauf sie hoffen könnten, das jenseitige Heil sei. Jedoch schufen SklavInnen - verborgen vor den Augen der Weißen Herrschaft - ihr eigenes Christentum, verwurzelt in afrikanischen religiösen Traditionen und mit eigenen heiligen Texten. Da SklavInnen weder lesen noch schreiben lernen durften, wurden diese "Texte" mündlich von Generation zu Generation weitergegeben - erzählt oder gesungen.

Zu diesen heiligen Texten zählen die Spirituals. He's got the whole world in his hand, Swing low, Oh freedom, oder When Israel was in Egypt's land sind vielen vertraut. Obwohl hier in den Bereich der Unterhaltung, der Jugendfreizeiten und Kirchentage verbannt, hat diese Musik ihre Kraft nicht verloren und vermag selbst solche in den Bann zu ziehen, die keine Ahnung davon haben, was sie singen. Die Kraft der Spirituals ist der Spirit, der lebendige Geist, der Menschen auf(er)stehen lässt. "Denn was wir sehen könnten, wenn wir über die Barrikaden unserer Herzen blickten, ist die erstaunliche Möglichkeit, daß Lieder Tote auferstehen lassen, daß Poesie sie lebendig macht, daß Tanzen sie zum Leben erweckt, daß Gabriel ein Tenorsaxophon bläst [...]" (Harding 1990, 136).

Anders als die Gospels, die komponiert wurden, entstanden die Spirituals spontan und wurden erst später arrangiert. Mit der Spontaneität waren das Schwingen des Körpers, das Klatschen der Hände und Stampfen der Füße verbunden, und auch heute haben die Spirituals - selbst für Menschen anderer Kulturkreise - eine ansteckende Wirkung. Die Inhalte jedoch scheinen häufig die Auffassungen des Weißen Christentums wiederzugeben, unter anderem diejenige, Hoffnung sei allein auf das Jenseits zu richten.

Wir sprechen in unzähligen Raffinessen:

Swing Low, Sweet Chariot

Versklavte Schwarze konnten auf den Plantagen nur überleben, wenn sie sich unterwürfig und gehorsam gaben und so die Sklavenhalter Innen glauben machten, sie seien dumm und kindlich, aber harmlos. Auch ihre Glaubensäußerungen mussten für die Weiße Herrschaft naiv und herr­schaftskonform erscheinen. Beständig waren die Versklavten gezwungen, sich zu verstellen und ihre Schauspielkunst zu perfektionieren, um am Leben zu bleiben. Der afrikanisch-amerikanische Dichter Paul Lawrence Dunbar (zit. nach White 1985, 24) hat ihre Situation folgendermaßen charakterisiert:

We wear the mask that grins and lies,
It hides our cheeks an shades our eyes
This debt we pay to human guile;
With torn and bleeding hearts we smile
And mouth with myriad subtleties.

Wir tragen die Maske, die grinst und lügt,
sie verbirgt unsere Wangen und beschattet unsere Augen,
diesen Tribut zollen wir menschlicher List;
mit zerrissenen und blutenden Herzen lächeln wir
und sprechen mit unzähligen Raffinessen.

Doch unter den Augen ihrer UnterdrückerInnen schufen Schwarze ein anderes Christentum, eine unsichtbare Institution" (Raboteau 1978), die die Gotteskindschaft der Versklavten und ihre Sehnsucht nach Freiheit bejahte. Spirituals sind Ausdruck dieser Sehnsucht und gleichzeitig von Raffinesse bezüglich der Maskierung ihrer Botschaft. Für Außenstehende handeln sie herrschaftskonform von Auferstehung und der Sehnsucht nach einem besseren Leben nach dem Tod. So heißt es in Swing low, sweet chariot:

Swing low, sweet chariot,
coming for to carry me home.
I looked over Jordan, and what did I see?
A band of angels coming after me,
coming for to carry me home.

Der Inhalt ist offensichtlich: Die/Der Versklavte sehnt sich nach dem sü­ßen Gefährt, das sie/ihn nach Hause - in dem Himmel - bringt, und es nähern sich Engelscharen, um sie/ihn in den Himmel zu geleiten. Gegen eine solche Interpretation betont die womanistische Theologin Cheryl Kirk-Duggan: "Dass die Mehrzahl der Spirituals eine naive Eschatologie beinhalten, d. h. - - - Hier leide ich, aber ich weiß, dass ich, wenn ich sterbe und in den Himmel komme, Gerechtigkeit erlangen werde -, ist falsch" (Kirk-Duggan 1997, 109). SklavInnen hofften auf Gerechtigkeit in dieser Welt und schufen Lieder, die dieser Hoffnung Ausdruck verliehen. Ihre Nachkommen (wie die eingesperrten Männer im Gefängnis von Arkan­sas) mussten zuweilen daran erinnert werden, dass diese Lieder auf Befreiung im Jetzt und Hier zielen und nicht auf ein Heil im Jenseits.

Diese Freiheitsspirituals, "die subversive Handlungen unsterblich machten und tarnten" (Kirk-Duggan 1997, 153), enthalten eine Vielzahl von Codewörtern: Sie erwähnen häufig Fortbewegungsmittel wie chariots - dabei war es SklavInnen streng untersagt, sich frei zu bewegen -, die die Singenden nach Haus bringen. Home ist das Codewort für Afrika oder die freien Nordstaaten der USA, und "Kanaan" bedeutet übersetzt "Kanada" (Kirk-Duggan 1997, 14; Cone 1991, 81). Der River Jordan, der in vielen Spirituals erwähnt wird, bezeichnet auch in Swing low den Code für den Ohio River, der die Grenzlinie zwischen den Sklavereistaaten des Südens und den Nordstaaten markierte und den die Flüchtenden überqueren mussten. Doch Hilfe ist nah: "a band of angels coming after me". Diese Engelschar bezeichnet laut James H. Cone "Harriet [Tubman] oder eine andere Führungsgestalt, die ihn [den Sklaven] abholte" (Cone 1991, 81).

Harriet Tubman (ca. 1821-1913) ist eine der berühmtesten Schwarzen Freiheitskämpferinnen der US-amerikanischen Geschichte. Als Sklavin geboren, gelang ihr die Flucht in den freien Norden, doch sie kehrte etliche Male in den Süden zurück und half beim Aufbau der sogenannten "Underground Railroad". Dabei handelte es sich um eine Widerstandsorganisation, zu der Schwarze und Weiße gehörten und deren Ziel es war, möglichst viele SklavInnen auf geheimen Wegen aus dem Süden zu schleusen. Harriet Tubman selbst führte über dreihundert SklavInnen in die Freiheit und wurde daher the Moses of her people genannt. Einen Hinweis darauf, dass in dem Spiritual Swing low mit der Engelschar tatsächlich Harriet Tubman und ihre Widerstandsgruppe gemeint war, liefert das Spiritual Good News:

Good news! The chariot’s coming,
Good news! The chariot’s coming,
Good news! The chariot‘s coming,
and I don’t want her to leave me behind

(zit. nach Kirk-Duggan 1997,200).

Versteht man die Codewörter, könnte das Spiritual Swing low ungefähr so lauten:

Senk dich herab, süßes Gefährt,
das mich in den freien Norden bringen wird.
Ich schaue über die Ohio Fluss, und was sehe ich? Harriet Tubman und ihre Leute,
die gekommen sind, um mich in die Freiheit zu führen.

SklavInnen haben religiöse Sprache jedoch nicht einfach benutzt, um Fluchtpläne verschlüsselt weiterzugeben. Für sie war Freiheit von der Sklaverei gleichbedeutend mit Freiheit in Jesus Christus. Harriet Tubman war ein von Gott gesandter Engel, und Gott wollte die Freiheit des Schwarzen Volkes ebenso wie damals die Freiheit der Kinder Israels. Das Zuhause (home) war der Ort, "wo man der Versklavung stirbt und in Freiheit mit Gott lebt" (Kirk-Duggan 1997,225). In einem anderen Spiritual - dem Lieblingslied von Harriet Tubman - bezeichnet home Jesus selbst.

Steal away, steal away, steal away to Jesus!

Steal away, steal away home, I aint got long to stay here.

Wenn Harriets Aufruf ertönte, sich heimlich fortzustehlen, dann erging damit die Zusicherung, dass nun das Leid nicht mehr lang währen würde. Jesus war die Freiheit und die Proklamation des Endes der Gefangenschaft. Für die Versklavten war seine Auferstehung der Grund der Hoffnung und ein bleibendes Symbol der Macht des Geistes, neu zu schaffen (Baker-Fletcher 1997,80).

God Comes on Wings of Song - Liturgien der Reformation

Spirituals haben Schwarze begleitet, ihnen Hoffnung gegeben weit über die Zeit der Sklaverei hinaus. Die Bürgerrechtsbewegung, die gegen die "Rassen"trennung kämpfte, verwandelte und ergänzte die Lieder, um den Ruf der Freiheit für ihre Situation zu aktualisieren. Die Spirituals trugen die Protestmärsche und ertönten aus den Gefängnissen - bloße Lieder der Unterhaltung waren sie nicht. Die Schwarze Schriftstellerin Ali­ce Walker schrieb: ">Wir werden siegen< [We shall overcome] ist für die meisten AmerikanerInnen nur ein Lied, aber wir müssen es tun. Oder sterben < (Walker 1983,128).

Die Spirituals erzählen von der Freiheit, die Gott für Schwarze fordert: Let my people go! Gott kommt auf den Schwingen des Gesangs (Kirk-Duggan 1997,222), und in den Spirituals ist das Göttliche gegenwärtig als der Spirit, der Geist der Gerechtigkeit, der die Kraft verleiht, selbst in sehr gefährlichen Situationen gegen Unrecht aufzustehen. Die Gegenwart des Geistes, der auch im Schwarzen Gottesdienst eine zentrale Rolle spielt, ist keine rein individuelle und innerliche Erfahrung; der womanistischen Theologin Delores Williams zufolge "wirft sie die Unterdrückte ins Leben, in den Befreiungskampf mit einem neuen Verständnis des Selbst, der Welt und ihrer Verbundenheit" (Williams 1986,231 f.). Die Spirituals vermitteln ein solches Verständnis des Selbst, indem sie jede/n Einzelne/n würdigen (Somebody's calling my name) und auffordern, sich am Befreiungs­kampf zu beteiligen (Get on board, little children, there's room for many more) im Glauben daran, dass Gott auf der Seite der Versklavten steht und sie befreien wird (Didn't my Lord deliver Daniel, and why not every man?).

Cheryl Kirk-Duggan zufolge sind die Spirituals zutiefst kontextgebunden und bezeichnen einen kreativen Prozess. Sie sind "liturgische Lieder der Reformation [...] und verlangten Reform, Veränderung, Befreiung" (Kirk-Duggan 1997, 112). Der Kontext der Unterdrückung hat sich nicht grundlegend verändert, und die Sehnsucht der Schwarzen Liturgie - Joshua fit the battle of Jericho, and the walls came tumblin' down - ist noch nicht eingelöst. Es scheint, dass insbesondere Schwarze Frauen die Hüterinnen dieser liturgischen Tradition sind. Sie mahnen, dieses Erbe der afrikanisch-amerikanischen Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Afrikanisch-Amerikanerinnen wissen um die tiefe Kraft, die von den Spirituals ausgeht, und welcher Schaden entsteht, wenn die Schwarze Community sie vergisst.

"Denn es sind die Lieder der Menschen, verwandelt durch die Erfahrung einer jeden Generation, die sie zusammenhalten, und wenn eines davon verloren geht, nehmen die Menschen Schaden an ihrer Seele" (Alice Walker 1993, 229).

Literatur

Karen Baker-Fletcher, Garth KASIMU Baker-Fletcher, My Sister, My Brother. Womanist and Xodus, God-Talk, New York 1997.

fames H. Cone, The Spirituals and the Blues, New York 1991.

Vincent Harding, Hope and History. Why We Must Share the Story of the Movement, New York 1990.

Cheryl A. Kirk-Duggan, Exorcizing Evil. A Womanist Perspective on the Spirituals, New York 1997.

Albert Raboteau, Slave Religion. The "Invisible" Institution in the Antebellum South, Oxford/New York 1978.

Emilie Townes, In a Blaze of Glory. Womanist Spirituality as Social Witness, Nashville 1995.

-, Breaking the Fine Rain of Death. African American Health Issues and a Womanist Ethic of Care, New York 1998.

Alice Walker, In Search of Our Mothers' Gardens. Womanist Prose, San Diego u.a.1983.

-, Meridian, Reinbek 1993.

Delores Williams, Sisters in the Wilderness. The Challenge of Womanist God-Talk, New York 1993.

-, The Color Purpie. What was Missed, in: Christianity and Crisis, vol. 46, no.

Eske Wollrad



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